Ist Friedrich Merz ein Pinocchio?

Ein Rentner bezeichnet den Bundeskanzler als »Pinocchio« – die Kriminalpolizei ermittelt. In der Tat ist es ein Skandal, Friedrich Merz so zu betiteln.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Kanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU) nimmt an einer Dialogveranstaltung mit Landwirten beim Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband teil. Foto: dpa

Pinocchio kam nach Heilbronn. So jedenfalls sah es ein Rentner aus eben jener Stadt. Neben seinem Post bei Facebook, wonach der Holzjunge nun eben Heilbronn heimsuche, platzierte er ein Nasen-Emoji. Denn bekanntlich wächst Pinocchio der Gesichtserker immer dann, wenn er die Unwahrheit sagt. Nun greift Paragraph 188 Strafgesetzbuch – die sogenannte Majestätsbeleidigung. Die Kriminalpolizei prüft nun, ob es sich um eine satisfaktionsfähige Beleidigung handelt. Auf den ersten, neutral geschulten Blick: Ja, das tut es. Es ist gut, dass die Polizei dem nachgeht. Denn wer solche Vergleiche zieht, muss verstehen lernen, dass das nicht geht.

Die Pinienpuppe und die Nase

Bevor wir aber dazu kommen, ein kurzer Ausblick auf die Leichtigkeit, mit der Politiker nun gegen Äußerungen aus dem Pool des Souveräns vorgehen können. Joana Cotar, ehemalige Bundestagsabgeordnete, berichtet darüber in ihrem aktuellen Buch »Inside Bundestag«. Sie schreibt, dass sie in ihrer Zeit in Berlin »mehrfach von Meldestellen kontaktiert« worden sei. »Höflich und beinahe fürsorglich« wies man sie auf »Beleidigungen oder herabsetzende Kommentare im Internet hin«. Erst erhielt sie einen Hinweis von Seiten der Meldestellen, dann eine »Einordnung als potenziell strafbar« und am Ende wurde gefragt, ob man dies zur Anzeige bringen wolle – »denn Beleidigungen seien ein Antragsdelikt«. Oft lag der Strafantrag bereits vorbereitet bei. Fehlte nur noch eine Unterschrift, um die Sache ins Rollen zu bringen. Die Strukturen sind also so geschaffen worden, dass Mandatare recht barrierefrei die Justiz einschalten können.

Bereits im letzten Dezember las man, dass der amtierende Bundeskanzler um die 5.000 Strafanträge unterschrieben haben soll. Friedrich Merz beschäftigt also offenbar die Behörden – sie haben freilich sonst wenig um die Ohren.

Man darf an dieser Stelle sicherlich vom Infrastrukturmissbrauch der politischen Klasse sprechen. Das heißt, ob man das ungestraft sagen darf, ist noch nicht mal ganz sicher. Alles was man heute der politischen Klasse an den Kopf werfen möchte, tut man im Trial-and-Error-Modus: man kann es mal versuchen und hofft halt, dass man sich nicht geirrt hat mit dem, was noch sagbar ist und was nicht. Es gibt keine Zahlen darüber, wie sehr deutsche Polizeistellen und Staatsanwaltschaften durch tausendfaches, ja zehntausendfaches Nachgehen diverser Anzeigen aus dem politischen Milieu belastet sind. Denken kann man es sich jedenfalls – die Gedanken sind schließlich frei.

Nun also auch der Rentner aus Heilbronn, der mit Carlo Collodis Romanfigur aus Pinienholz – daher auch der Name »Pinocchio« – gegen Merz schoss. Bekannteste Eigenschaft der zur Lebendigkeit gewordenen Arbeit des Schreiners Geppetto: Wenn er lügt, wächst ihm die Nase – sie wird länger und länger, erst die Aussprache der Wahrheit macht den biologisch nicht ganz nachvollziehbaren Akt rückgängig und lässt diesen Teil des Gesichtes abschwellen. Collodi schrieb seine Geschichte aber nicht deswegen auf, weil er von lustig sprießenden Nasen künden wollte. Die Geschichten, in die er Pinocchio stolpern lässt, haben ein zentrales Element: Es geht um Menschlichkeit.

Die Polizei muss der Sache nachgehen

Noch nicht mal so sehr darum, dass Pinocchios größter Wunsch ist, endlich ein Menschenkind zu werden – sondern um die Annahme eines Stückes Holz in die menschliche Familie. Und so präsentierte Collodi seinen meist jungen Lesern eine Marionette, die lebendig wird, orientierungslos ist und die nur ein Wesen kennt, das ihr von Bedeutung ist: es selbst. Pinocchio ist anfangs eher egoistisch, er nimmt keinerlei Rücksichten, lernt aber im Laufe seiner Abenteuer, mehr über Zusammenhalt und soziale Umgangsformen – kurz: Pinocchio nimmt menschliche Züge an. Er ist hilfsbereit, manchmal auch naiv hilfsbereit – und er zeigt sich als das, was man gemeinhin einen »guten Kerl« nennt.

Pinocchio riskiert sein Leben, als er erfährt, dass der alte Geppetto im Bauch eines Wales ist – und er befreit ihn. Er ist zur Liebe fähig. Und er lernt im Laufe der Geschichten, was Freude und was Trauer ist, was Verantwortungsgefühl und was Scham. Er weint sogar und zeigt sich immer wieder mal selbstlos. Außerdem macht er Bekanntschaft mit einem Gefühl, das wir Reue nennen. Anders gesagt: Collodis Hauptfigur ist schon als Holzpuppe menschlich. Am Ende – kann man so alte Geschichten eigentlich spoilern? – wacht er dann sogar als Menschenjunge auf. Ja, Pinocchio ist über Nacht ein Mensch geworden. Einer aus Fleisch und Blut und nicht aus Holzfasern.

Das alles steckt wirklich hinter Collodis Pinocchio. Es ist eine zutiefst menschliche und auch menschlich anrührende Geschichte, die er erzählte. Über jemanden, der sich müht, der anständig sein will, der dem Guten zustrebt und es auch tun möchte. Wie nur kann man den amtierenden Bundeskanzler namens Friedrich Merz mit Collodis wunderbarer Figur voller menschlicher Regungen gleichsetzen wollen? Wo sehen sich die beiden denn ähnlich? Ob Friedrich Merz eines Tages aufwacht und ein guter Mensch sein will? Ist er ein selbstloser Zeitgenosse? Hilfsbereit und brav? Klar, werden nun einige einwenden: Lügen kann er. Sicherlich, er ist Politiker! Aber wächst ihm schamvoll die Nase, wenn er es tut? Das wäre schön, denn das wäre eine regelrecht menschliche Reaktion auf so einen Vorgang: Scham eben! Aber nicht mal das trifft zu.

Es ist also durchaus gerechtfertigt, dass die Polizei der Sache nachgeht. Denn es kann einfach nicht sein, dass eine wehrlose Holzpuppe, die einfach nur versucht hat, ein guter Mensch zu werden, mit einem x-beliebig dahergelaufenen Bundeskanzler verglichen werden darf. Wenn es noch ein Fünkchen Anstand gibt, dann verpflichtet man den Rentner aus Heilbronn dazu, sich beim Pinienjungen zu entschuldigen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →

Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

Related Posts

Trumps autoritär-elitärer „Friedensrat – Wird die UNO überflüssig? – Teil 2

Am 19. Februar 2026 fand in Washington unter Leitung des US-Präsidenten Donald Trump der erste Gipfel des von ihm initiierten „Friedensrats“ (Board of Peace) statt. (1) Im Vorfeld hatte Trump den ehemaligen,…

Trumps autoritär-elitärer „Friedensrat – Wird die UNO überflüssig? Teil 1

Am 19. Februar 2026 fand in Washington unter Leitung des US-Präsidenten Donald Trump der erste Gipfel des von ihm initiierten „Friedensrats“ (Board of Peace) statt. (1) Im Vorfeld hatte Trump den ehemaligen,…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You Missed

Trumps autoritär-elitärer „Friedensrat – Wird die UNO überflüssig? – Teil 2

  • März 7, 2026
  • 2 views

Ist Friedrich Merz ein Pinocchio?

  • März 7, 2026
  • 5 views
Ist Friedrich Merz ein Pinocchio?

USA und Israel attackieren Iran / Bekommt Selenskyj die Atombombe trifft es auch uns / Merz in China

  • März 6, 2026
  • 5 views

Trumps autoritär-elitärer „Friedensrat – Wird die UNO überflüssig? Teil 1

  • März 6, 2026
  • 13 views
Trumps autoritär-elitärer „Friedensrat – Wird die UNO überflüssig? Teil 1

China und Russland werden nicht untätig bleiben!

  • März 6, 2026
  • 15 views
China und Russland werden nicht untätig bleiben!

Strategische Kette – von der Transformation über Omniwar zu T2COM – Teil 3

  • März 5, 2026
  • 81 views
Strategische Kette – von der Transformation über Omniwar zu T2COM – Teil 3