Mit wirtschaftlichem Zwang, Einmischung in Wahlen und militärischer Macht wollen die USA die Region rekolonisieren. Die Zersplitterung der Länder ist dabei ihr größter Verbündeter.
Ein Beitrag von Misión Verdad

Die geopolitische Architektur Lateinamerikas befindet sich in einer Phase der aufgezwungenen Umgestaltung. Nach der Veröffentlichung der Nationalen Sicherheitsstrategie (National Security Strategy, NSS) im Dezember 2025 und der Nationalen Verteidigungsstrategie (National Defense Strategy, NDS) im vergangenen Januar hat die Trump-Regierung das formalisiert, was Analysten „Donroe-Doktrin“ nennen.
Diese imperiale Eskalation ist eine Reaktion auf die Notlage einer US-Wirtschaft im Prozess der Deindustrialisierung, die angesichts des starken Vormarsches Chinas in der westlichen Hemisphäre existenziell darauf angewiesen ist, sich die Kontrolle über kritische Rohstoffe, billige Arbeitskräfte und benachbarte Märkte zu sichern.
Ein aktuell wichtiger Punkt ist der Wahlsieg von Laura Fernández Delgado in Costa Rica am 1. Februar. Die Politikerin wird als „Erbin des ehemaligen Präsidenten Rodrigo Chaves“ beschrieben und offen von Donald Trump unterstützt. Sie gewann mit einem Diskurs, der sich auf Sicherheit, konservative Werte und die strategische Annäherung an Washington fokussierte. Dieses Ergebnis eröffnet Perspektiven zusammen mit dem umstrittenen Wahlprozess in Honduras, bei dem die Einmischung Trumps eindeutig war.
In diesem Jahr finden im März und Mai auch Wahlen in Kolumbien, im April in Peru, im Oktober in Brasilien und im November in Nicaragua statt. Die Kandidaten, die mit der Agenda Trumps übereinstimmen, werden versuchen, die soziale Unzufriedenheit, den Druck und die wirtschaftliche Instabilität, die von Washington ausgehend befördert werden, zu nutzen, um ein neues Kräfteverhältnis zu schaffen, das den Interessen der USA dient.
Donroe-Doktrin: Souveränität als überholtes Konzept
Die Donroe-Doktrin geht von einer Logik des Wettbewerbs der Großmächte aus, stellt China ausdrücklich als Rivalen in der Hemisphäre dar und betont die dringende Notwendigkeit, die Vorherrschaft Washingtons in einem wichtigen Schauplatz wirtschaftlicher Aktivitäten zu sichern, den es als seinen Hinterhof betrachtet.
Zusätzlich zu der am 3. Januar gegen Venezuela angewendeten Gewalt nutzen Trump und seine Regierung auch das Versprechen von Investitionen und die Androhung von Sanktionen, um das Gleichgewicht zugunsten von Persönlichkeiten zu verschieben, die ein geschlossenes Vorgehen gegen die asiatische Präsenz in der Region gewährleisten.
Am 3. Januar 2026 verfolgte die Welt bestürzt die „Operation Absolute Resolve“: einen militärischen Angriff von 150 Flugzeugen auf strategische Ziele in Caracas und den Bundesstaaten La Guaira und Miranda, der mit der Entführung von Präsident Nicolás Maduro und seiner Überstellung nach New York endete, wo er wegen angeblichen Drogenterrorismus angeklagt werden soll.
Unterdessen sind sich Analysten einig, dass die USA nicht mehr darauf setzen, eine gemeinsame internationale Ordnung anzuführen, sondern ihre Macht durch Einflusszonen und selektive Zwangsmaßnahmen auszuüben. Sowohl die NSS als auch die NDS geben jede Rhetorik der multilateralen Zusammenarbeit zugunsten eines offen konfrontativen Tons und eines Nullsummenspiels auf.
Im Jahr 2025 kündigte Trump Strafzölle an – bis zu 25 Prozent für Kolumbien und Mexiko. Dann drohte er mit der „Rückeroberung“ des Panamakanals, was dazu führte, dass sich dieses Land unter dem Druck von Außenminister Marco Rubio aus der Belt and Road Initiative Chinas zurückzog.
Mit diesen Maßnahmen reagieren die USA auf die strukturelle Dringlichkeit, Lieferketten durch Nearshoring wiederaufzubauen. Das ressourcenreiche und geografisch gut erreichbare Lateinamerika wird so zum wesentlichen Schlachtfeld für das wirtschaftliche Überleben des Imperiums im Niedergang.
Die Aggression gegen Venezuela wird als Wendepunkt in einer fragmentierten Region begriffen, der die wirtschaftliche Unterwerfung vereinfacht. Die Dominanz im Energiebereich wird durch grenzenlose Einmischung in Wahlen ergänzt. Die NSS legt fest, dass jedes politische Projekt, das den Interessen der „nationalen Sicherheit“ der USA zuwiderläuft, als eine feindliche Bedrohung behandelt wird.
Andererseits agiert die US-Einmischung ganz offen gegenüber anderen Regierungen, die nicht vollständig auf ihrer Linie liegen, von Vorwürfen des Drogenhandels gegen Gustavo Petro über Drohungen mit einem Militärschlag in Mexiko bis hin zur expliziten Unterstützung des wegen versuchten Staatsstreichs verurteilten ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Washington spielt alle seine Karten aus, um zu verhindern, dass diejenigen, die es als ideologische Gegner betrachtet, ihre Bastionen behalten.
Dies stellt die Prinzipien der Souveränität und Selbstbestimmung in Frage.
Die Wahlen 2026 in Lateinamerika könnten zu Abstimmungen werden, die die USA „überwachen“ und bei denen das Weiße Haus finanzielle und mediale Druckmittel einsetzt, um sicherzustellen, dass die Ressourcen – Öl, Kupfer, Lithium und strategische Mineralien – unter Kontrolle US-amerikanischer Unternehmen bleiben. Sie streben ständig nach politischer und wirtschaftlicher Vorherrschaft durch Rohstoffabbau und billige Arbeitskräfte.
Die Entführung Maduros und die Kontrolle über das venezolanische Öl sollen die Souveränität zu einem überholten Konzept machen, wenn sie in Konflikt mit den Interessen Washingtons gerät.
Außenminister Marco Rubio hat deutlich gemacht, dass die US-Strategie Diplomatie, wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen und militärische Gewalt kombiniert und dass die gegen Venezuela verhängte „Seeblockade“ – mit der Tanker abgefangen und die Öleinnahmen kontrolliert werden – auch auf andere Szenarien anwendbar ist.
Diese Doktrin beinhaltet die Neudefinition kritischer Mineralien und Öl als Teil der nationalen Verteidigungsinfrastruktur und rechtfertigt darüber hinaus wirtschaftliche und militärische Interventionen mit dem Argument der „Energiesicherheit“.
Übersetzt aus dem Spanischen von Olga Espín.
Quelle: https://misionverdad.com/globalistan/la-soberania-es-un-concepto-obsoleto-en-america-latina
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