Ist Souveränität in Lateinamerika ein überholtes Konzept? Teil 2

Mit wirtschaftlichem Zwang, Einmischung in Wahlen und militärischer Macht wollen die USA die Region rekolonisieren. Die Zersplitterung der Länder ist dabei ihr größter Verbündeter.

Ein Beitrag von Misión Verdad

Las elecciones de 2026 en América Latina serían consultas vigiladas por la Casa Blanca mediante presión financiera y mediática para asegurar que los recursos naturales permanezcan bajo control de corporaciones estadounidenses (Foto: MSN)

China als „hemisphärischer Rivale“ der USA : Kampf um Einfluss in der Region

Die Trump-Regierung versucht, eine „Entkopplung“ Chinas vom amerikanischen Kontinent zu erzwingen, auch wenn dies bedeutet, die wirtschaftlichen Interessen ihrer lateinamerikanischen Partner zu untergraben, die vom asiatischen Markt abhängig sind.

Angesichts der Offensive der USA hat China seine Strategie in Lateinamerika neu ausgerichtet, ohne die Region zu verlassen, aber an ein Umfeld größter Feindseligkeit angepasst. Laut dem Monitor für chinesische Investitionen in Lateinamerika und der Karibik beliefen sich die chinesischen Direktinvestitionen im Jahr 2023 auf 8,748 Milliarden Dollar, was nur zehn Prozent der Gesamtinvestitionen in der Region entspricht und einen Rückgang gegenüber dem Höchststand des vorangegangenen Jahrzehnts bedeutet.

Dieser quantitative Rückgang geht jedoch mit einer qualitativen Umstrukturierung einher, bei der Peking seinen Schwerpunkt von großen staatlichen Krediten auf Investitionen in neue Infrastruktur – 5G-Technologie, saubere Energie, Elektromobilität und künstliche Intelligenz – verlagert hat, die mehr als 60 Prozent der 2022 angekündigten Projekte ausmachten.

Dennoch ist China nach wie vor der wichtigste Handelspartner von neun lateinamerikanischen Ländern. Das bilaterale Handelsvolumen betrug im Jahr 2024 mehr als 500 Milliarden Dollar. Seine Strategie basiert auf Investitionen in Infrastruktur, Energie und Bergbau – insbesondere im „Lithium-Dreieck“ – und darauf, Finanzierungen ohne politische Auflagen anzubieten, ganz im Gegensatz zur Zwangsdiplomatie Washingtons.

Im Dokument zur chinesischen Politik gegenüber Lateinamerika, das im Dezember 2025 veröffentlicht wurde, wird bekräftigt, dass die Region ein wichtigen Partner ist, jedoch eine „hochwertige“ Zusammenarbeit in den Bereichen Nachhaltigkeit und technologische Innovation priorisiert. Diese Neuausrichtung ist eine Reaktion auf den Druck der USA, die sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt haben, den Einfluss Chinas in der Hemisphäre zurückzudrängen, und Peking als ihren Hauptkonkurrenten einstufen.

Der Druck der USA hat durch eine Kombination aus „Zuckerbrot und Peitsche“ zu Rissen geführt, wobei die Androhung wirtschaftlicher Sanktionen ebenso real ist wie das Versprechen des Zugangs zum US-Markt.

Am 29. Januar dieses Jahres erklärte der Oberste Gerichtshof Panamas die Konzession, die das Hongkonger Unternehmen CK Hutchison fast 30 Jahre lang für den Betrieb der Häfen Balboa und Cristóbal an beiden Enden des Panamakanals hatte, für verfassungswidrig.

Brasilien hat seinerseits abgelehnt, sich formell den USA anzuschließen. Luiz Inácio Lula da Silva zieht bilaterale Abkommen „zu für beide Seiten akzeptablen Bedingungen“ vor.

Für viele lateinamerikanische Länder ist dieser Wettbewerb eine Gelegenheit gewesen, ihre Allianzen zu diversifizieren, aber die neue Strategie Trumps zielt darauf ab, diese strategische Ungewissheit zu beseitigen und eine vollständige Neuausrichtung zu erzwingen. Der Konflikt ist einerseits wirtschaftlicher Natur, im Grund genommen jedoch geopolitischer und technologischer Natur.

Die Zersplitterung als größter Verbündeter Washingtons

Die Wahlen 2026 werden entscheidend sein, da Lula in Brasilien im Oktober gegen die Bolsonaro-Maschinerie zur Wiederwahl antritt. Iván Cepeda führt in Kolumbien in den Umfragen, ist aber mit einer wiederauflebenden Rechten konfrontiert. Beide Länder machen zusammen mit Mexiko 66 Prozent des regionalen BIP aus und repräsentieren 59 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung. Aber ihre Unfähigkeit, eine gemeinsame Antwort auf die Aggression gegen Venezuela zu koordinieren, zeugt von einer regionalen Krise, die von historischer Bedeutung zu sein scheint.

Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro demonstrierte Entschlossenheit, als er den Angriff auf Venezuela als „Rückkehr in die Ära brutaler Interventionen“ und „Szenario vergleichbar mit Guernica“ bezeichnete. Darüber hinaus berief er eine Dringlichkeitssitzung der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) ein, deren Ergebnisse indes diffus blieben.

Petro hat Kolumbien, einen traditionellen bedingungslosen Verbündeten der USA, zum Epizentrum einer diplomatischen Strategie gemacht, die am 3. Februar mit einem Treffen mit Trump endete. Seine eigenen Funktionäre bemühten sich, die weitere Zuspitzung zu verhindern, um die Zusammenarbeit im Kampf gegen den Drogenhandel nicht zu gefährden.

Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum verbindet ihre im Inland große Popularität mit einer Rhetorik der Souveränität. Sie verurteilte die Aggression gegen Venezuela, aber ihre Wortwahl war verhaltener, was die extreme Sensibilität der Beziehung zu ihrem nördlichen Nachbarn widerspiegelt. Dennoch hat sie die Unterordnung unter die USA angesichts der Forderungen Trumps, die Beziehungen zu China, Russland und dem Iran abzubrechen, entschieden abgelehnt.

Ihre Weigerung aufgrund des Ausschlusses Kubas, Venezuelas und Nicaraguas, am Amerika-Gipfel teilzunehmen, und ihre Ankündigung humanitärer Hilfe für Kuba trotz des Drucks aus Washington markieren eine Linie der Unabhängigkeit, die in Kontrast zu ihrem wirtschaftlichen Pragmatismus steht.

Der entscheidende Faktor ist jedoch Brasilien. Präsident Lula befindet sich in einer unangenehmen Position, da seine Regierung die für Technologie und Investitionen entscheidenden Beziehungen zu den USA aufrechterhalten will, aber gleichzeitig die strategische Allianz mit China, einer Säule der brasilianischen Wirtschaft, nicht aufgeben kann und will.

Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum Lateinamerika und Karibik 2026, das im Januar von der Entwicklungsbank Lateinamerikas und der Karibik (CAF) organisiert wurde, beklagte Lula, dass Lateinamerika derzeit „einen der größten Rückschläge in Sachen Integration“ erlebe, und er kritisierte, dass die CELAC „nicht einmal eine einzige Erklärung gegen illegale Militärinterventionen zustande bringt“.

Sein Aufruf, die ideologischen Spaltungen durch Pragmatismus zu überwinden und eine Integration aufzubauen, die an den Kongress von Panama von 1826 erinnert, hallt in einem institutionellen Vakuum wider, da die Union südamerikanischer Nationen „dem Gewicht der Intoleranz erlegen ist“ und die Organisation amerikanischer Staaten ein Instrument des US-amerikanischen Einflusses bleibt.

Diese doppelte Abhängigkeit lähmt die regionale Führungsfähigkeit Brasilias. Eine Analyse der Zeitschrift Fal stellt fest, dass „die lateinamerikanische Einheit erneut hinausgezögert wird, nicht aufgrund mangelnder Rhetorik, sondern aufgrund des Zusammenwirkens von enormem Druck von außen und divergierenden nationalen Kalkülen“, was den ehemaligen Gewerkschafter als gescheiterten Koordinator einer Einheit darstellt, die nicht zustande kommt.

Es ist derselbe Lula, der 2023 gegen den Beitritt Venezuelas zu den BRICS-Staaten gestimmt hatte und kürzlich erklärte, dass „die Hauptsorge die Stärkung der Demokratie in Venezuela“ sei, mehr als die Freilassung von Nicolás Maduro und Cilia Flores.

Das Jahr 2026 zeichnet sich als Wendepunkt für ein Lateinamerika ab, das gespalten und fragmentiert ist und Gefahr läuft, die historische Chance zu verpassen, einen eigenen Pol in der neuen multipolaren Ordnung aufzubauen. Denn die notwendigen Integrationsszenarien scheinen weiter entfernt denn je, gerade jetzt, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Offensive Trumps zielt praktisch darauf ab, seinen Einflussbereich zu rekolonisieren. Dies könnte dazu führen, dass interne konservative Kräfte, gestärkt durch externe Unterstützung, die Gelegenheit sehen, Projekte der Volksbewegungen in den Ländern rückgängig zu machen und die systematische Plünderung noch weiter zu institutionalisieren.

Die eigentliche Schlacht in der Region findet nicht zwischen China und den USA statt, sondern um das Recht Lateinamerikas, als eine Gesamtheit souveräner Nationen zu existieren, die in der Lage sind, ihre internationalen Beziehungen ohne Zwänge zu diversifizieren und ihr eigenes Entwicklungsmodell zu bestimmen.

Ob diese Herausforderung bewältigt wird, hängt davon ab, ob die Führungskräfte und die Völker der Region endlich ihre Zersplitterung überwinden und eine Einheit in ihren Zielen und Handlungen schaffen können, die über Wahlkämpfe und unmittelbare Parteiinteressen hinausgeht. Andernfalls wird der Traum von der endgültigen Unabhängigkeit weiter aufgeschoben, erstickt im Lärm des Konflikts zwischen den Giganten.

Übersetzt aus dem Spanischen von Olga Espín.

Quelle: https://misionverdad.com/globalistan/la-soberania-es-un-concepto-obsoleto-en-america-latina

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