Die aktuelle Phase des Krieges des Westens gegen Russland neigt sich zwar dem Ende zu, aber sie hat länger gedauert, als sie hätte dauern sollen. Bisher hat Russland die Entschlossenheit gefehlt, zu einer aktiven nuklearen Abschreckung zu greifen – der einzigen Option zur Lösung des „europäischen Problems“, das erneut zu einer Bedrohung für uns geworden ist.
Ein Beitrag von Sergei Karaganow

Das Nuklearargument
Nur wenn wir unsere tatsächliche Bereitschaft demonstrieren, (zunächst konventionelle) Schläge gegen die Kommandozentralen, die kritische Infrastruktur und Militärstützpunkte jener europäischen Länder zu führen, die eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung und Durchführung militärischer Operationen gegen Russland spielen, können wir die europäische Elite zum Nachdenken bewegen. Zu den vorrangigen Zielen sollten auch die Orte gehören, an denen die Eliten (einschließlich jener der Nuklearmächte) ansässig sind und ihre Aktivitäten ausüben. Nur dies könnte ihre Hauptstädte dazu veranlassen, endlich zur Vernunft zu kommen.
Wenn konventionelle Angriffe keine Wirkung zeigen und Europa nicht zurückweicht oder, besser gesagt, nicht kapituliert, müssen wir in jeder Hinsicht (militärisch und vor allem politisch und psychologisch) bereit sein, begrenzte (aber für die Erzielung politischer Wirkung ausreichende) Schläge mit strategischen Nuklearwaffen durchzuführen. Unsere nichtstrategischen und strategischen Nuklearstreitkräfte müssen entsprechend ausgebaut werden. Selbstverständlich sollten vor dem Einsatz der Nuklearwaffen zunächst mehrere Salven mit operativ-taktischen Raketen in nicht-nuklearer Ausführung erfolgen.
Auf lange Sicht sollte man erwägen, Frankreich und Großbritannien ihres Nuklearwaffenarsenals zu entheben: Indem sie einen Krieg gegen Russland entfesseln, werden sie das moralische und politische Recht auf dessen Besitz verlieren. Die Eliten dieser Länder sowie andere Europäer, insbesondere die Deutschen, sollten sich bewusst sein, dass sie zu legitimen Zielen für Präventivschläge werden, wenn sie sich Nuklearwaffen oder deren Ausbau annähern.
Europa – mit seiner Geschichte voller Kriege, Aggressionen, Völkermorde, Rassismus, Kolonialismus und seiner gegenwärtigen Leugnung normaler menschlicher Moralvorstellungen, des Glaubens an Gott (und an Gott im Menschen) –, das erneut einen Krieg gegen Russland anzettelt, sollte wissen: Es hat kein Recht auf solche Waffen.
Selbst während der Regierungszeit von US-Präsident Joe Biden nahmen die USA die von Russland ausgehenden Signale wahr und erkannten, dass die Fortsetzung des Krieges in der Ukraine das Risiko einer nuklearen Eskalation birgt (Angriffe auf US-Stützpunkte in Europa und sogar auf die USA selbst eingeschlossen). Nun versuchen die USA, sich aus dem Konflikt zurückzuziehen. US-Präsident Donald Trump bietet scheinbar friedliche Lösungen an; diese sind einen Versuch wert, um der Welt eine Chance zu geben, die durch den langen Krieg verursachten Wunden zu heilen und dem Tod unserer heldenhaften Kämpfer ein Ende zu setzen.
Man kann zwar versuchen, eine in begrenztem Umfang wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA aufzubauen, soweit dies offensichtlich vorteilhaft und verlässlich ist – aber ohne die Illusion, dass dies den Frieden fördern könnte. Entgegen den Mythen naiver Marxisten und ihrer intellektuellen Gesinnungsgenossen, den liberalen Ökonomen, spielen wirtschaftliche Interessen bei der Festlegung der nationalen Politik nur eine untergeordnete Rolle. In ernsthaften Konfrontationen, insbesondere im Krieg, treten sie zwangsläufig hinter geopolitische, militärstrategische und sogar ideologische Erwägungen zurück. Zumal die USA von einer anhaltenden Konfrontation in Europa wirtschaftlich profitieren: Die USA verkaufen Waffen, berauben ihre gemästeten Verbündeten und locken ihnen Industrie-, Finanz- und Humankapital ab.
Trumps Friedensvorschläge zielen nicht auf einen dauerhaften Frieden ab. Stellen wir uns einmal vor, was mein Interesse als US-Präsident wäre: Es liegt auf der Hand, dass ich daran interessiert wäre, einen schwelenden Konflikt aufrechtzuerhalten, der Russland schwächt und es von seiner inneren Entwicklung und von Groß-Eurasien (insbesondere China) ablenkt. Denn die de facto bestehende Allianz zwischen Russland und China bildet bereits ein dominantes Machtzentrum in der Welt. Ich würde auch die noch vorhandenen prowestlichen und proeuropäischen Tendenzen in der russischen Elite und Gesellschaft ausnutzen, um zu verhindern, dass Russland zu einem in intellektueller, geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht souveränen Land mit einer Schlüsselrolle auf diesem sich entwickelnden Superkontinent wird.
Dieser Artikel dient nicht dazu, konkrete politische Maßnahmen hinsichtlich des Konflikts mit Europa und dem Westen in der Ukraine vorzuschlagen. Ich beschränke mich auf Ratschläge, deren Umsetzung meiner Meinung nach notwendig und längst überfällig ist. Wir können es uns nicht leisten, uns in einen endlosen Konflikt zu verstricken, der mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt vergleichbar, aber noch schlimmer wäre. Unsere Fehler der Vergangenheit müssen schnell korrigiert werden, und zwar durch eine drastische Verstärkung der nuklearen Abschreckung gegenüber Europa. Seine Eliten müssen nicht nur in Schach gehalten, sondern eingeschüchtert werden. Derzeit erwecken sie nur den Anschein, uns zu fürchten, um ihre Militärmacht aufzubauen. Aber sie müssen tatsächlich Angst vor uns haben. Wir müssen sie in Schrecken versetzen. Sie müssen verstehen, dass eine Eskalation oder sogar Fortsetzung des Konflikts ihre unmittelbare physische Vernichtung riskiert und dass eine militärische Aufrüstung sinnlos ist, da sie eine zerstörerische nukleare Reaktion nach sich ziehen würde.
Unsere bisherige Zurückhaltung beim Einsatz von Nuklearwaffen hat sich als kontraproduktiv erwiesen und spielt denjenigen in die Hände, die militaristische Hysterie und Russophobie schüren und sich auf einen Krieg vorbereiten.
Zurückhaltung bedeutet gleichzeitig, dass wir als Großmacht unserer Verantwortung nicht nachkommen, eskalierende Konflikte zu verhindern, die zu einem Dritten Weltkrieg führen könnten und das Ende der heutigen menschlichen Zivilisation bedeuten würden. Unsere Vorsicht grenzt mittlerweile an Verantwortungslosigkeit.
Unsere Militärdoktrin sollte dahingehend geändert werden, dass sie den Einsatz von Nuklearwaffen bereits dann vorsieht, wenn ein Krieg von einem Gegner mit großem wirtschaftlichem und bevölkerungsmäßigem Potenzial ausgelöst wird. Es ist längst an der Zeit – zumindest auf Expertenebene –, von der in der Ära Gorbatschow-Reagan vertretenen Ansicht abzurücken, dass „es in einem Nuklearkrieg keinen Sieger geben kann.“ Diese widerspricht jeglicher militärischen Logik und hat unter anderem zum heißen Krieg der NATO gegen Russland geführt.
Selbstverständlich plädiere ich nicht für einen Nuklearkrieg. Selbst wenn er siegreich wäre, wäre er eine große Sünde. Aber man muss vollständig darauf vorbereitet sein, um zu verhindern, dass Untätigkeit und Unentschlossenheit den Weg für ein „Verbrechen“ ebnen – nämlich die Fortsetzung der das Land und das Volk erschöpfenden Militäraktion, die zu einer weltweiten thermonuklearen Katastrophe eskalieren könnte. Es wäre nicht nur eine unverzeihliche Sünde, sondern vor allem auch ein fataler Fehler.
Professor Sergei Karaganow ist akademischer Leiter der Fakultät für Weltwirtschaft und Internationale Angelegenheiten der Higher School of Economics (HSE) in Moskau und Ehrenvorsitzender des Russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik.
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