Die aktuelle Phase des Krieges des Westens gegen Russland neigt sich zwar dem Ende zu, aber sie hat länger gedauert, als sie hätte dauern sollen. Bisher hat Russland die Entschlossenheit gefehlt, zu einer aktiven nuklearen Abschreckung zu greifen – der einzigen Option zur Lösung des „europäischen Problems“, das erneut zu einer Bedrohung für uns geworden ist.
Ein Beitrag von Sergei Karaganow

Echte Multipolarität
Selbst dann, wenn es uns gelingt, Europa strategisch zu besiegen, bleibt der größte Teil davon weiterhin von Stagnation, Ungleichheit und sozialen Spannungen geprägt und wird somit in eine rechts- und linksgerichtete Form des Faschismus abgleiten. Der Zerfall der EU und der Austritt der USA werden die Europäer wieder in ihre historische Rolle als Verursacher von Kriegen, Instabilität und anderen Katastrophen zurückversetzen. Glücklicherweise werden sie jedoch nicht mehr in der Lage sein, Kolonialismus zu betreiben, da sie in der Neuen Welt nicht mehr über die dafür erforderlichen Kräfte verfügen werden. Die Ukraine war hoffentlich ihr letzter Versuch, neues Territorium zu erobern.
Unabhängig davon, wie sich die Lage entwickelt, wird in den kommenden Jahrzehnten eine selektive Isolation von Europa unvermeidlich sein. Die Handelsbeziehungen könnten unter Umständen zwar teilweise wiederhergestellt werden, jedoch ohne die zuvor bestehenden Erwartungen. Wir sollten indes unter keinen Umständen nachgeben, was die Forderung (auch aus unserem eigenen Land) betrifft, die Diskussion über ein europäisches Sicherheitssystem wieder aufzunehmen. Ich wiederhole noch einmal einen unangenehmen Gedanken, den ich bereits in früheren Artikeln geäußert habe: Die anhaltende Fokussierung auf Europa ist heute ein Zeichen intellektueller Begrenztheit und sogar moralischer Unreinheit. Jedes System der Sicherheit und Entwicklung ist nur im Rahmen eines Großraums Eurasien vorstellbar.
Die Situation in den USA ist schwieriger vorherzusagen. Dieses Land ist von einer Art „europäischer Krankheit“ befallen. Gleichzeitig verfügt es jedoch über eine starke Widerstandsfähigkeit, die sich in der sogenannten „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA) und in gewissem Maße auch in der Innenpolitik von US-Präsident Trump manifestiert. Die USA haben ihr Bildungs- und Wissenschaftspotenzial bewahrt, das sie zum Teil aus Europa abziehen. Auch wenn die USA, wie oben erwähnt, begonnen haben, auf ihre Hegemonie zu verzichten, versuchen sie dennoch, die Regionen, aus denen sie sich zurückziehen, zu destabilisieren, und hegen neoimperiale Ambitionen. Und diese Ambitionen werden immer deutlicher und gefährlicher.
Die USA bleiben ein gefährlicher Gegner der Welt und Russlands. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben.
Daher sollten wir die Politik der Abschreckung fortsetzen, gegebenenfalls auch durch die Stärkung der nuklearen Komponente. Alle Diskussionen nach weiteren Abrüstungen im Bereich der Nuklearwaffen, einschließlich strategischer, widersprechen jeglicher Vernunft. Offenbar arbeiten die USA mit Hochdruck an der Entwicklung nationaler Raketenabwehr- und U-Boot-Abwehrsysteme. Das erklärt ihr Bestreben, Grönland zu besetzen und damit die Abschreckungsfähigkeit Russlands zu schwächen.
Das Hauptmotiv dieser ablehnenden Haltung gegen Nuklearwaffen ist Pazifismus, der zwar gut nachvollziehbar, jedoch kontraproduktiv ist. Auch die mit der Herstellung konventioneller Waffen verbundenen Kreise der Rüstungsindustrie und ausländische Mächte, die den noch bestehenden Vorsprung in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in politische Vorteile umwandeln wollen, tragen dazu bei: Denn Nuklearwaffen machen ein konventionelles Wettrüsten sinnlos und neutralisieren damit die Überlegenheit des Westens.
Die partielle wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA wäre von Vorteil, jedoch sollte man sich auch hier keine Illusionen machen. Denn diese ehemalige Weltmacht versucht, die Stabilität in den Regionen zu untergraben, aus denen sie sich zurückzieht. Sie schürt heimlich Spannungen rund um Taiwan, im Nahen Osten, in Zentralasien, Transkaukasien und Europa. Sie instrumentalisiert ihre wirtschaftlichen Beziehungen in einem historisch beispiellosen Ausmaß, um Druck auszuüben und Krieg zu führen (selbst wenn sie von einer Waffenruhe spricht). Das Land ist daran interessiert, die Beziehungen zu Russland teilweise wiederherzustellen, jedoch nur, um damit unser Bündnis mit China zu schwächen. Dieses Interesse sollten wir zwar nutzen, da die Diversifizierung der wirtschaftlichen Beziehungen von Vorteil ist; allerdings ist dabei große Vorsicht geboten, um die Beziehungen zu Peking nicht zu beeinträchtigen.
Seit Jahren plädieren wir für Multipolarität. Nun scheint sie endlich eingetreten zu sein und bringt den Ländern und ihren Völkern mehr Souveränität sowie die Freiheit, ihren eigenen Weg der ideologischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu wählen. Allerdings gibt es auch Nachteile, wie beispielsweise die Zunahme von Konflikten, die durch den Klimawandel und die damit einhergehende Wasserknappheit, Nahrungsmittel- und Energieengpässe sowie Migrationswellen noch verschärft werden. Wirtschaftskriege werden zur Normalität. Die bestehenden Institutionen sind diesen Herausforderungen nicht gewachsen; sie sind veraltet und werden von ihren eigenen Schöpfern zerstört, da ihre Existenz den dominierenden Staaten keine Vorteile mehr bringt.
Dennoch sieht die Lage für die Politik Russlands in nicht-westlicher Richtung vielversprechend aus. Die Beziehungen zum mit Russland befreundeten China müssen in allen Bereichen gestärkt werden. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass es nicht zu einer massiven Zuwanderung von Arbeitskräften kommt, dass es nicht wie in den 1990er Jahren zu einer Vernachlässigung strategischer Industriezweige führt und dass die Beziehungen unter einer neuen chinesischen Führung nicht zu einer Quelle der Anfälligkeit und Irritation werden. Es bedarf zudem systematischer Anstrengungen, um die wachsende wirtschaftliche und demografische Kluft zwischen den Ländern zu überbrücken.
Eine Annäherung an Indien, einschließlich der kontrollierten Einwanderung von Arbeitskräften, ist ebenfalls erforderlich.
Ebenso gibt es keine Alternative zu einer verstärkten Zusammenarbeit – sowohl in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, kultureller als auch in menschlicher Hinsicht – mit dem demografisch und wirtschaftlich wachsenden (und im Allgemeinen moralisch gesünderen) Teil der Menschheit: den Ländern der sogenannten Weltmehrheit. Dies betrifft in erster Linie Asien, wobei auch Afrika bald dazukommen wird.
Übersetzt aus dem Englischen. Quelle: https://eng.globalaffairs.ru/articles/middlegame-karaganov/
Professor Sergei Karaganow ist akademischer Leiter der Fakultät für Weltwirtschaft und Internationale Angelegenheiten der Higher School of Economics (HSE) in Moskau und Ehrenvorsitzender des Russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik.
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