Vorsicht: Enkeltrick!

Nun spricht sich auch Marcel Fratzscher für einen Pflichtdienst für Senioren aus. Um der Bundeswehr zu dienen. Und das Sozialwesen zu entlasten.

Ein Kommentar von Roberto J. De Lapuente

Senioren auf Fahrrädern
Quelle: Pixabay

Es gibt Kulturen, die gehen mit großem Respekt mit ihren Alten um. Sie würdigen ihre Erfahrung und nehmen Rücksicht auf die Beschwernisse, die das Altern so mit sich bringen. Man verneigt sich vor ihnen, schätzt ihren Kenntnisreichtum und zeigt sich interessiert an dem, was sie in ihrem langen Leben erlebt haben. Und dann gibt es da auch noch Deutschland. Ein Land, das alte Menschen verachtet – und verspottet. Denn anders lässt sich dieser flegelhafte Anflug von spöttischer Arroganz, lassen sich die Worte des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gar nicht verstehen. Marcel Fratzscher möchte nämlich einen Pflichtdienst für Rentnerinnen und Rentner.

Warum sollen nur die Jungen kriegsertüchtigt werden?

Gesagt hat er dies in einem Interview mit Spiegel Online, in dem es um sein neues Buch geht – nach allem, was man in diesem Gespräch von Fratzscher liest, geht es darin um viel Haltung, viel Kriegstüchtigkeit – weniger um eigene Gedanken, die es wert wären, Papierbögen zu beflecken. Wieder starben Bäume für rein gar nichts – über Klimaschutz spricht er freilich auch, Fratzscher kennt die Orthodoxie. Die Tagesschau griff das Interview dann geschwind auf und stellte ihrem Publikum Fratzschers Thesen und damit Buch vor. Nett, wie das ARD-Nachrichtenformat dabei behilflich ist, die Absatzzahlen für einen Autor anzuschieben.

Der Soziologe Klaus Hurrelmann hat vor einigen Wochen übrigens ganz ähnlich gesprochen: Der 81-Jährige fand es ungerecht – wie Fratzscher auch –, dass nur die Jungen was zur Kriegstüchtigkeit beitragen sollen. Damit die Generationengerechtigkeit intakt bleibe, müssten nun die Alten ran. Leider kam kein Vorschlag dahingehend, auch die Jungen in Frieden zu lassen. Hurrelmann geht ganz offensichtlich davon aus, dass jeder ein Soziologenleben geführt hat und nach acht Dekaden in den Knochen noch putzmunter ist. Fratzscher thematisiert hingegen, dass sicher einige Alte nicht mehr so könnten, man würde Regelungen finden müssen – die gäbe es bei den jungen Leuten ja auch, wenn die nicht einsatzfähig seien. Der Spiegel hätte einwenden können, dass Gesundheit der Regelfall bei Jungen sei – und Regelungen für nicht ganz so agile junge Menschen die Ausnahmesituation darstellten. Bei den Alten ist das nicht unbedingt so.

Dass sich dann ein alter Mensch beweisen muss, dass er Nachweise zur Hand haben muss, um zu belegen, dass er eben genau das ist: Alt nämlich – sollte man über diese Form der Demütigung nicht diskutieren? Wie verächtlich kann eine Gesellschaft mit ihren Alten eigentlich umgehen? Schließlich müssen die sich geradezu entschuldigen für etwaige Gebrechen. Hurrelmann erklärte schon im Juli, dass die Menschen nach ihrem Arbeitsleben »plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen« seien – was ihn fragen lässt: »Was ist denn das für ein Konzept?« Vielleicht eines, das den Menschen gefällt, das sie sich verdient haben und das sie sicher nicht mit einem Soziologen ausdiskutieren wollen, der vermutlich in seinem Leben nicht 40 Stunden die Woche und dies über einen Zeitraum von Jahrzehnten an einem Fließband stand, auf einer Baustelle ackerte oder die Brut fremder Leute hütete?

Oma pflegt Oma

Was sollen die Senioren, die in Fratzschers idealen Welt zwangsverpflichtet werden, eigentlich tun? Konkret wird der Ehrenfachmann der deutschen Wirtschaft nicht – das ganze Interview bleibt erstaunlich diffus, Fratzscher spult Parolen ab, die Litanei von »unsere Demokratie« hat er verinnerlicht. Man erfährt aber dann doch, dass die Alten ihre Erfahrung weitergeben könnten – nicht in einem Panzer, sondern halt am Rande der Bundeswehr. Man erfährt letztlich, dass der Altenzwangsdienst der Kriegstüchtigkeit dienen soll – und er könnte auch von Nutzen für das Sozialwesen sein. Wird dann Großmütterchen den Haushalt eines anderen Großmütterchens in Schuss halten müssen? Muss sie die Altersgenossin füttern? Und wird man diesen Sozialdienst im Rentenalter auch an sich selbst leisten dürfen?

Momentan herrsche unter den Alten »zu viel Ignoranz, Selbstbezogenheit und Naivität«, lässt der Wirtschaftsfachmensch dann auch noch fallen. Denn die Boomer hätten gewissermaßen den Generationenvertrag gebrochen – daher müssten sie nun liefern. Kein Wort über die Zweckentfremdung der Rentenkassen. Die jetzt Alten tragen die Verantwortung – und seien deshalb in der Bringschuld. Das ist ein ganz schön ausgebuffter Enkeltrick.

Natürlich ist das Gewese um den Pflichtdienst nur ein Testballon. Kein Mensch, der noch halbwegs bei Trost ist, will dabei zusehen, wie die eigenen Eltern als Rentner nochmal vorgeführt und belästigt werden und obendrauf vielleicht sogar einen Kasernenhofanschiss bekommen. Dass ein gebrechlicher Mensch seine Gebrechlichkeit darlegen muss vor Leuten, die dann vielleicht Quoten zu erfüllen haben – denn was nützt ein Altenzwangsdienst ohne Alte? –, lässt sich gesellschaftlich gar nicht aushalten. Fratzscher zeigt sich hier als Agent im Sinne der gesellschaftlichen Spaltung. Aber sein »Vorschlag« hat natürlich dennoch eine Funktion: Er will sensibilisieren, dass wir bald schon alle unser Scherflein dazu beitragen müssen, damit Deutschland endlich wieder wird, wie Preußen einst schon war. Die Alten, die Jungen und überhaupt jeder, der sich zum verdammten Bauern im Schachspiel des Teufels eignet.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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