Maschinen an die Macht!

Die neuen Herren dieser Welt erhoffen sich vom ungehemmten Einsatz der Technik eine radikale Umwandlung aller Lebensbereiche. Dieser Ansatz ist nicht ganz neu.

Ein Beitrag von Hermann Ploppa

Symbolbid. Quelle: Shutterstock

Wir sträuben uns noch ein wenig gegen diese unbequeme Erkenntnis. Aber früher oder später wird uns die Realität einholen: Wir Menschen sind Auslaufmodelle. Kaum noch ein Argument spricht dafür, für wichtige Aufgaben Menschen zu verwenden — da doch die Vorzüge von Maschinen unmittelbar einleuchten. Effizient und potenziell allwissend, nie müde, nie wehleidig, steuer- und programmierbar durch diejenigen, die sie zu bedienen wissen. Filme und Serien wie „Terminator“, „Matrix“ oder „Star Trek“ haben Schreckensvisionen einer umfassenden Beherrschung der lebendigen Welt durch Maschinen entworfen. Der größte Unterschied zwischen Fiktion und Realität besteht aber darin, dass wir echten Menschen gegen die Maschinen kaum aufbegehren, uns ihnen vielmehr willig ausliefern, indem wir ihnen in immer mehr Lebensbereichen Macht über uns zugestehen. Der Autor widmet sich in diesem Beitrag der Geschichte und Kulturgeschichte der Technokratie, speziell seit dem frühen 20. Jahrhundert. Interessanterweise handelt es sich um eine U- beziehungsweise Dystopie, die nicht allein der westliche Kapitalismus hervorgebracht hat. Auch im Faschismus und im russischen Kommunismus gab es Experimente, die auf eine Herrschaft der Maschinen und der Technik-Eliten hinausliefen. Als störend galten dabei immer Demokratie und Menschenrechte. Diese dunkle Historie sollte man kennen, will man der Gefahr einer technokratischen Eskalation in naher Zukunft entgegentreten — denn die Werkzeug der Beherrschung wurden in den letzten Jahren derart geschärft, dass einem beim Gedanken an deren Missbrauch durch destruktive Kräfte angst und bange werden kann.

Die Ereignisse überschlagen sich.

Kaum haben wir uns davon erholt, dass man uns zwingen wollte, eine mäßig erforschte Substanz injiziert zu bekommen — was wir noch gerade eben abwenden konnten. Zumindest für uns selber. Da kommen auch schon die nächsten Tabubrüche in ungekannter Beschleunigung und Heftigkeit. Ein neues Ministerium für Regierungseffizienz (mit dem Kürzel DOGE) entwendet sensible Daten, die eigentlich strengstem Datenschutz unterliegen, aus dem Gesundheitsministerium der USA und übergibt sie der privaten Firma Palantir (1).

US-Präsident Donald Trump verlangt derweil in rüpelhaftester Manier die Übergabe der dänischen Großinsel Grönland an sein Imperium. In Grönland wollen Mitglieder seines Clans privatisierte Experimentalflächen schaffen. Ohne staatliche Kontrolle. Ohne irgendwelche störenden Gesetze zum Naturschutz beachten zu müssen. Um Geo-Engineering betreiben zu können. Hier soll es dann keine demokratische Kontrolle mehr geben. Stattdessen regiert ein CEO in der Sonderwirtschaftszone Grönland (2).

Nicht mehr in Planung, sondern bereits im Aufbau befindet sich die Sonderwirtschaftszone Gaza. Wenn die Trümmer und die Leichname der palästinensischen Zivilisation weggeräumt sind, soll hier eine voll digitalisierte Zone entstehen mit acht Smart Cities, einer Tesla-Fabrik und einem voll digitalisierten Mittelmeerhafen. Dazu ein Luxus-Ressort für die Schönen und die Reichen dieser Welt (3). Auf dem ganzen Planeten schießen bereits Privatstädte wie Pilze aus dem Boden. Befreit von demokratischer Kontrolle schalten und walten hier Investoren von teilweise dubioser Herkunft. Alle diese Experimente vereint der Grundsatz, dass sich neben einem ungehemmten Profitprinzip hier auch eine komplett entfesselte Technokratie austoben kann. Technokratie heißt: Die Technik gilt als oberstes Prinzip. Technik ist das Maß aller Dinge. Der Mensch ist voller Mängel im Vergleich zur Maschine. Deshalb muss der Mensch an die Maschine angepasst werden.

Die Mega-Maschine verschlingt die Menschen und unterwirft sie ihrem Takt. Der Mensch ist aus dieser Perspektive mangelhaft. Während die Maschine sieben Tage in der Woche vierundzwanzig Stunden am Tag klaglos arbeitet, ist der Mensch immer mal wieder krank, hat Depressionen oder ist einfach nur müde. Das passiert der Maschine nicht — vorausgesetzt, sie wird immer ausreichend mit Energie und Ersatzteilen gefüttert. 

Es ist von daher nur konsequent, wenn Plattformkapitalisten wie Peter Thiel oder Elon Musk über eine Fusion von Mensch und Maschine nachdenken. Schon ist das erste lebende menschliche Gehirn durch einen Chip mit dem Computer verbunden (4).

Die Ungeduld der neuen Herren dieser Welt ist groß. Sie empfinden es als äußerst störend, dass es immer noch eine demokratische Öffentlichkeit gibt. Dass es Gesetze gibt, die den Techno-Experimenten durch Umwelt-, Klima- oder Gesundheitsschutzklauseln im Wege stehen. Es ist nicht zu bestreiten, dass Künstliche Intelligenz ungeahnte neue Lösungsansätze entwickelt, auf die der Mensch bislang noch nie gekommen ist. Und das in Sekundenschnelle. Soll man denn auf die Trägheit der Demokratie und der Transparenzregeln noch allzu lange Rücksicht nehmen? Was sollen diese ethischen Bedenken gegen eine weitere Steigerung der Künstlichen Intelligenz durch die Allgemeine Künstliche Intelligenz? 

Demokratie nervt hier nur. Das meint jedenfalls Peter Thiel, wenn er sagt: Demokratie und Freiheit sind nicht miteinander vereinbar (5). Es bedarf einer neuen Elitenherrschaft der Technokraten, die frei und ungehindert Fortschritte in exponentieller Entwicklungsbeschleunigung ausführen können. Dafür gibt es eine Denkschule der Technokraten: den Akzelerationismus. Also die Forderung nach technologischer Beschleunigung. Das Volk muss man da gar nicht mehr fragen. Schon die Corona-Kampagne mit ihrem nachfolgenden Impfzwang kam ja völlig ohne Transparenz aus. Es wurde einfach ein globaler Notstand ausgerufen, Panik verbreitet und in dieser Schockstarre vollkommen demokratiefrei agiert. 

Die Technokratie oder Technokratur hat eine lange Vorgeschichte

All diese Angriffe auf Aufklärung, Demokratie und Humanität haben durchaus eine lange Vorgeschichte. Sie kommen keinesfalls aus dem Nichts.

Da gab es schon seit längerem subkutane Unterströmungen, die einige Jahrzehnte unter dem Mantel der Vergessenheit begraben waren. Die kollektive Scham ächtete solche Ansätze. Nach dem Grauen des Holocaust zum Beispiel sprach niemand mehr offen über die genetische Manipulation des Menschen, also über Eugenik (6). Es war nicht mehr stubenrein, über die Rentabilität des Menschen zu sprechen. Und dann den Vorschlag zu unterbreiten, unrentable Menschen auszulöschen. Also sich für die Euthanasie auszusprechen (7). Seit kurzem befürworten „Experten“ unwidersprochen die „Triage“. Wer darf lebensrettende Maßnahmen erhalten, und wer nicht? Pflegebedürftige alte Menschen in Heimen wurden während der Corona-Kampagne unversorgt ihrem elenden Versterben preisgegeben. 

In der Neuzeit vollzog sich die Ausrichtung des Menschen nach den Anforderungen der Mega-Maschine. Lewis Mumford prägte den Begriff der „Mega-Maschine“ für die Mechanisierung der Gesellschaft und ihrer Menschen (8). Der Philosoph Michel Foucault hat die Abrichtung der Menschen durch Gefängnisse und Irrenanstalten ausführlich beschrieben (9). Ende des 19. Jahrhunderts war klar, dass die fortschreitende Industrialisierung und die damit einhergehende Verstädterung unumkehrbare Folgen für das menschliche Leben mit sich brachten. Lärm, Staub und Dreck, Hektik und zunehmende Aggressivität, Leben in unerträglicher Beengtheit machten die Menschen gereizt und nervös. 

Die Verstörung des Gemüts ist aus der Literatur jener Tage deutlich herauszulesen. Der Mensch kann und will sich nur schwer an den Lärm und die Gewalt gewöhnen. Der Schriftsteller Alfred Döblin hat diese Schnelligkeit und Fragmentierung der technisierten Welt in vielen Romanen thematisiert — am bekanntesten ist seine Roman-Montage „Berlin Alexanderplatz“. Walther Ruttmann hat in seiner Filmkomposition „Sinfonie einer Großstadt“ versucht, die zersplitterte Lebenswirklichkeit Berlins formal als Symphonie wieder einzufangen (10). Expressionisten verarbeiteten das Trauma der neuen brutalisierten Wirklichkeit nach dem Ersten Weltkrieg in Malerei und Dichtung. 

Da war es nur konsequent, dass sich zu dieser Technik-Skepsis eine radikale Antithese bilden sollte. Im Jahre 1909 schockierte der italienische Dichter Filippo Tommaso Marinetti mit seinem Futuristischen Manifest. Genau das, was die meisten Leute ekelhaft, bedrohlich oder aufreibend fanden, hat Marinetti in seinem Futuristischen Manifest verherrlicht. Und damit einen handfesten Skandal losgetreten. Er war sozusagen nicht politisch korrekt. Im Manifest heißt es unter anderem: 

  • „1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  • 3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  • 4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosiven Armen gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
  • 7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen.
  • *9. Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ (11)

Harter Tobak. Marinettis Futurismus ging auf Europa-Tournee. Skandale und Raufereien waren die beste Werbung. Nachahmer fanden sich in ganz Europa. Sogar im damals russischen Cherson bildete sich ein Künstlerkreis, der dem Futurismus huldigte. Es gab futuristische Malerei, Dichtung oder auch „Musik“: eine frühe Form der Komposition mit Geräuschen und Lärm. Der Nachhall der futuristischen Musik ist heute noch wahrnehmbar in den Klängen der Gruppen „Einstürzende Neubauten“, „Laibach“ oder auch „Rammstein“. Doch der Krieg sollte bald die Gewalt- und Zerstörungsapotheosen der Futuristen brutal in die Echtzeit überführen.*

Der Futurismus ging in Italien geschmeidig in Mussolinis Faschismus auf und gab dem Duce das Flair von extravaganter Modernität. In der Tat nahmen faschistische Regime futuristische Motive bereitwillig auf. Die choreographierten Massenaufmärsche der Nazis; die überdimensionierten Pläne für eine neue deutsche Hauptstadt Germania aus dem Reißbrett von Albert Speer atmen den Geist von Marinettis Futurismus. Die faschistischen Regime in Italien und Deutschland kann man ohne Abstriche als technokratische Herrschaftssysteme bezeichnen. In diesem Falle dient die Diktatur der Technik der gut geschmierten Kriegsmaschine.

Doch auch die Planwirtschaft hat den Zweck, die Gesellschaft nach rationalen technokratischen Kriterien zu steuern. Experten legen fest, wie Investitionen eingesetzt werden. Die Gesellschaft ist danach ausgerichtet, die Staatsmaschine optimal zu bedienen. 

Die Planwirtschaft — keine Erfindung des Sozialismus

Und entgegen landläufiger Meinung ist die Planwirtschaft keineswegs eine sozialistische Erfindung. Der Erfinder der Planwirtschaft ist stattdessen der deutsche Unternehmer und Politiker Walther Rathenau (12). Im Ersten Weltkrieg erfand und leitete Rathenau die sogenannte Kriegsrohstoffabteilung. Diese Behörde zog die Autorität für alle Wirtschaftsaktivitäten im Deutschen Reich an sich. Die deutsche Wirtschaft war ein Orchester, das nach dem Taktstock der Kriegsrohstoffbehörde spielte. Als im Jahre 1917 die USA in den Ersten Weltkrieg eintrat, übernahmen Politiker und Wirtschaftsbosse in den USA das erfolgreiche Konzept von Walther Rathenau und schufen mit dem War Industries Board eine Behörde für Planwirtschaft (13). Die US-Wirtschaft musste die Vorgaben des War Industries Board bis ins kleinste Detail befolgen. Die nationale Schuhindustrie durfte nur vier Schuhmodelle anfertigen. 

Diese technokratische Planwirtschaft wurde jedoch unter Präsident Warren G. Harding wieder aufgelöst. Denn Harding hatte die „Rückkehr zur Normalität“ versprochen. Das Pendel schlug also komplett in die entgegengesetzte Richtung aus. Der Staat hielt sich aus allen Wirtschaftsaktivitäten heraus und beschränkte sich darauf, die Sicherheit von Handel und Infrastruktur einigermaßen am Laufen zu halten. Diese Politik des Nachtwächterstaates bewährte sich in den Goldenen Zwanziger Jahren — so lange, bis dann 1929 der große Börsencrash kam. 

Während dessen hatten sich die Bolschewisten auf dem Territorium des ehemaligen Zarenreiches als Ordnungsfaktor dauerhaft etabliert. 

Der Führer der neuen Sowjetföderation, Wladimir Iljitsch Lenin, überlegte nicht lange, nach welchen Kriterien sein Reich aufgebaut werden sollte. Während in Deutschland und den USA die Planwirtschaft ein reines Notfallregiment im Krieg gewesen ist, sah Lenin in der Planwirtschaft ein perfektes Vehikel, um das Sowjetreich dauerhaft zu einem Musterland der Technokratie zu machen. 

Lenin war fasziniert, ja geradezu hypnotisiert von der Planwirtschaft der USA im Ersten Weltkrieg. Er erklärte seinen Genossen im Jahre 1920: 

„Der Sozialismus ist undenkbar ohne die großkapitalistische Technik, die sich auf den neuesten Errungenschaften der modernen Wissenschaft aufbaut, ohne eine planmäßige staatliche Organisation, die Dutzende Millionen Menschen zur strengsten Einhaltung einer einheitlichen Norm bei der Produktion und der Verteilung der Produkte zwingt.“ (14)

Damit war die Technokratie in der Sowjetunion zur Norm erhoben. Die Sowjets holten sich Entwicklungshilfe aus den bewunderten USA: von mächtigen Magnaten wie Averell Harriman, Henry Ford oder den Rockefellers. Das Beispiel der gescheiterten Sowjetunion zeigt, dass auch die Technokratie nicht die Probleme der Menschheit lösen kann.

Howard Scott und die Technocracy Incorporated

In den USA war mit dem Börsencrash die Illusion zerplatzt, der Staat könne die Wirtschaft einfach mal so sich selbst überlassen nach dem Motto: Der Markt regelt sich am besten von alleine. Die ungezügelte Zockerei an der Börse brachte dann die große Katastrophe. Das war eine Zeit, in der technokratische Modelle erneut Gehör fanden. Am Ende der ersten Planwirtschaft in den USA hatte der Kleinunternehmer Howard Scott bereits in der Technical Alliance mitgearbeitet, die Daten sammeln sollte für eine technokratische Politik. Jetzt, nach der Großen Depression von 1929, schlug für Scott die große Stunde (15). 

Er entwarf das Konzept eines technokratischen Staates, in dem Ingenieure die erste Geige spielen sollten, nicht gewählte Politiker. Frei nach dem Wandspruch der Comic-Figur Daniel Düsentrieb: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör!“ Der Technokrat soll „sich mit sozialen Phänomenen im weitesten Sinne des Wortes befassen; dies umfasst nicht nur das Handeln von Menschen, sondern auch alles, was ihr Handeln direkt oder indirekt beeinflusst“, einschließlich Biologie, Klima und natürliche Ressourcen (16). Ingenieure handeln von Haus aus rational, kühl kalkulierend, und sie müssen nicht um die Gunst der Wähler buhlen. Eine Technokratie muss sich nicht durch das inkompetente Volk aufhalten lassen.

Gleichzeitig jedoch soll diese benevolente Techno-Diktatur die Interessen der kleinen Leute bedienen. Denn es stehen nicht mehr der Markt und die Preisbildung im Mittelpunkt. Der technokratische Staat geht sparsam mit den Ressourcen um. Er ist nicht von Profitgier getrieben. Das Geld soll ersetzt werden durch Rohstoffzertifikate, die an die jeweilige Bevölkerung verteilt werden. Scott verbreitete seine Ideen durch die Technocracy Incorporated. Anders als es der Name nahelegt, handelte es sich hier eher um eine Stiftung als um ein Profit orientiertes Unternehmen. Die kanadische Filiale von Technocracy Incorporated leitete übrigens ein gewisser Joshua N. Haldeman. Haldeman ist der Großvater mütterlicherseits von Elon Musk. 

Letztlich fiel die Technokratie-Bewegung wieder in sich zusammen. Doch wichtige Elemente dieser Bewegung hatte die Regierung von US-Präsident Franklin Delano Roosevelt bereits übernommen. Die Börse wurde an die kurze Leine gelegt. Der Staat trat als großer Investor auf, um die Arbeitslosigkeit zu lindern und die Konjunktur wieder anzuregen. 

Die Planung der Großprojekte übernahmen Experten in der Regierung. Allerdings hatte es Roosevelt nicht nötig, die Demokratie auszuschalten. Seine wohlwollende Technokratie genoss die Unterstützung der großen Mehrheit der US-Bürger. Der Zweite Weltkrieg brachte erneut eine softe Variante der Planwirtschaft ins Spiel. Nach dem Ende der Kampfhandlungen jedoch wurde die wohlwollende Technokratie von Roosevelts Nachfolgern umgewandelt in einen militaristischen Koloss mit seiner Geheimregierung des Nationalen Sicherheitsrats.

Die US-Bürger haben diese Geheimregierung mit ihren unzähligen Geheimdiensten hingenommen. Denn es ging den US-Bürgern zeitweise recht gut. Dass nun in Symbiose mit diesem Geheimstaat eine Übermacht des Plattformkapitalismus entstanden ist, haben die Amerikaner lange nicht bemerkt. Doch der konfrontative Politikstil von US-Präsident Donald Trump zwingt Millionen von US-Bürgern förmlich dazu, die bittere Pille der Erkenntnis zu schlucken. Dass nämlich der Staat okkupiert ist von Oligarchen, die ihr profitables Geschäft auf irgendeine Weise mit dem Internet machen.

Und die im Gegensatz zu ihren historischen Vorgängern in der Technokratiebewegung eindeutig nicht das Gemeinwohl im Blick haben. Sondern definitiv nur ihre eigenen ganz persönlichen Vorteile. Das macht diese neue Variante des Technokratismus so extrem gefährlich. Peter Thiel hat sich mit der Förderung von Vizepräsident JD Vance in die Regierung eingekauft. Um langfristig Politik ganz abzuschaffen (17). Denn das Volk sei unfähig, die komplexen Zusammenhänge zu begreifen. (18). 

Auch diese arroganten Töne sind in der Geschichte der USA nicht wirklich neu. Ähnliches hatte der US-Chefideologe Walter Lippmann in seinem Buch „Die Öffentliche Meinung“ bereits 1920 ventiliert. Doch von den technischen Möglichkeiten, ihre Herrschaft durchzusetzen, wie sie die jetzigen Internet-Oligarchen haben, konnte Lippmann noch nicht einmal träumen. Doch diese technokratischen Oligarchen haben offensichtlich den Bogen überspannt. Millionen wache Menschen beobachten sie jetzt.

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Füchse verwalten den Hühnerstall – Trumps Board of Peace

Trumps Friedensrat stellt eine Revolution von oben dar. Trump regiert wie ein König und verquickt dabei Politik und private Geschäfte. Die ganze Welt lässt sich das klaglos bieten. 

Ein Beitrag von Hermann Ploppa

US-Präsident Donald Trump beantwortet Fragen von Reportern, während er sich mit Italiens Premierministerin Meloni im Oval Office des Weißen Hauses trifft. Foto: dpa

Die Staatengemeinschaft auf diesem Globus gibt gerade ein extrem erbärmliches Bild ab.

Das war recht gut zu erkennen am 17. November 2025. Da wollte die Regierung der USA unter Donald Trump gerne die Genehmigung und Unterstützung eines Friedensrates für den Gazastreifen vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erhalten. Nach Darstellung der US-Delegation sollte dieser Friedensrat als Subunternehmen der Vereinten Nationen einen Frieden im Gazastreifen aushandeln und langfristig für Frieden in der erschütterten Region sorgen. Es wurde von einzelnen Delegierten Skepsis geäußert. China bemängelte, dass der Text der Resolution sehr schwammig ausgefallen war. Anderen Delegierten fiel auf, dass die Palästinenser in Trumps Entwurf gar nicht vorkamen. Schließlich aber nickten dreizehn Mitglieder des Weltsicherheitsrats den Entwurf von Trump ab. China und Russland hätten den Text mit einem Veto durchfallen lassen können. Sie taten es aber nicht. Sie enthielten sich lediglich der Stimme. Die Resolution 2803 beauftragte die Trump-Regierung, den Board of Peace ins Leben zu rufen.

Die ehrenwerten Damen und Herren des Weltsicherheitsrats haben ein Blinde-Kuh-Spiel veranstaltet. Kollektive Amnesie erfasste am 17. November 2025 alle Delegierten. Denn die UNO hatte seit 1949 immer wieder in Resolutionen die Einrichtung eines vollwertigen Staates der Palästinenser gefordert. Besonders nachdrücklich wurde die Zweistaatenlösung in der Resolution 1397 im Jahre 2002 angemahnt. Davon war jedoch im letzten Herbst gar nicht mehr die Rede. Kein Wunder. Die energischen Anwälte der Palästinenser wie Muammar Al Ghaddafi oder Bashar al Assad sind von der Bildfläche verschwunden. Viele arabische Staaten im Nahen Osten sind jetzt zerrüttet und destabilisiert.

Doch auch ein anderer Tatbestand verwundert. Denn die Regierung der USA und besonders die Trump-Sippe mit ihrem Anhang Jared Kushner, sowie der frühere britische Premierminister Tony Blair und Außenminister Marco Rubio hatten im August letzten Jahres im Weißen Haus den Entwurf einer israelischen Investorengruppe unterstützt und zur eigenen Agenda gemacht. Der Plan mit dem Namen GREAT (Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation) sieht vor, die Palästinenser zur Auswanderung zu bewegen und dann auf dem ethnisch „gesäuberten“ Gelände eine hochmoderne Sonderwirtschaftszone mit acht Smart Cities sowie Autofertigungshallen für Tesla zu errichten. Dieser Plan war öffentlich zugänglich und ich habe den Plan ausführlich an dieser Stelle im September letzten Jahres dargelegt (1). Keiner kann sagen, er habe nichts gewusst. Allein die Unverschämtheit, auf dem Leichenberg von etwa 70.000 ermordeten Zivilisten eine Sonderwirtschaftszone zu planen, kann kaum noch in Worte gefasst werden.

Trumps Board of Peace ist in Davos am Rande des Weltwirtschaftsgipfels konstituiert worden. Die Struktur des Trump’schen „Friedensrats“ ist ein Witz. Alleiniger Vorsitzender dieses Gremiums ist US-Präsident Donald Trump. Trump alleine bestimmt, welche Länder in diesem Friedensrat sitzen dürfen. Trump alleine entscheidet, welche Länder auch wieder rausfliegen. Wer im Vorstand sitzt. Wer länger als eine Probezeit von drei Jahren in diesem Ausschuss bleiben möchte, muss an Trump eine Milliarde Dollar zahlen. Wen wundert es noch, dass in diesem handverlesenen Vorstand fast nur Mitglieder seiner Sippe und deren Freunde drin sitzen. Von Palästina ist übrigens in der Verfassung des Board of Peace überhaupt keine Rede mehr. Es finden sich nur verklausulierte Andeutungen über das Versagen internationaler Institutionen. Seit den Zeiten des Feudalismus hat es keine Institution mehr gegeben, in der einer einzigen Person eine solche Machtvollkommenheit zuerkannt wurde. Weder im Faschismus noch im Kommunismus. Es ist einfach ein schlechter Witz.

Und keiner lacht. Keiner ruft: „Was ist das denn für ein Kindergarten!“ Es gibt verhaltene Kritik von Frankreichs Präsidenten Macron. Bundeskanzler Merz nuschelt vorsichtig was davon, dass es ja die UNO gibt. Großbritanniens Premierminister Keir Starmer bemängelt, dass Trump zu diesem Gremium auch Russland eingeladen hat. Russlands Putin wiederum sitzt hinter seinem gigantischen Schreibtisch und feixt sich einen: ja, er könne sich durchaus vorstellen, in diesen Friedensrat einzutreten. Allerdings sollte die eine Milliarde Dollar für eine dauerhafte Mitgliedschaft aus eingefrorenen russischen Konten in den USA aufgebracht werden. China merkt wenigstens an, dass der Board of Peace nicht mehr auf Gaza konzentriert sei, sondern sich als Parallel-UNO aufspielen will.

Es ist jetzt nur die zweite Garnitur der Weltpolitik in Davos zu Trumps Startschuss erschienen. Die Elefanten fehlen allesamt. Dafür sind kleine Tiere wie Aserbeidschan oder Kasachstan oder die Mongolei angetreten. Und natürlich der ungarische Regierungschef Orban, Seite an Seite mit Argentiniens Milei. Milei musste ja kommen. Denn Trump hatte Mileis politisches Überleben gerade mit vierzig Milliarden Dollar aus den Taschen der US-amerikanischen Steuerzahler gesichert. Bulgariens Noch-Regierungschef unterzeichnete in Davos. Dazu hatte ihn der ungeheuer mächtige Oligarch Delyan Peewski gedrängt (2). Der war von Trumps Amtsvorgänger Biden auf die Sanktionsliste gesetzt worden. Vielleicht befreit ihn der große Donald dann von dieser geschäftsschädigenden Sanktionsliste? Mal sehen, wie Ihro Durchlaucht gerade gestimmt ist …

Ja, hier in Davos gilt das Gesetz: eine Hand wäscht die andere. Der durchaus transatlantisch gestimmte European Council on Foreign Relations weiß folgendes zu berichten:

„Die Vermischung privater Investmentfonds mit (US-)amerikanischer Macht und Geopolitik, gepaart mit vermutlich intransparenten Entscheidungsprozessen und Finanzausgaben, birgt das Potenzial für eine kleptokratische Oligarchie. Der Guardian berichtet bereits, dass Albanien dem Board of Peace beigetreten ist, just als Kushner die Genehmigung der albanischen Regierung für den Bau eines 1,4 Milliarden Dollar teuren Luxusresorts auf der Insel Sazan erhielt. Bulgariens scheidender Ministerpräsident Rossen Scheljaskow trat der BoP Berichten zufolge auf Drängen eines bulgarischen Oligarchen bei, der von den USA wegen Korruption sanktioniert wurde.“ (3)

Ja, das ist doch ein herzerfrischendes Geben und Nehmen. Jared Kushner ist rein zufällig der liebe Schwiegersohn von Donald Trump. Und auch Trumps Söhne Eric und Don befanden sich gerade rein zufällig auf einer Geschäftsreise durch die halbe Welt. Welch ein Zufall auch, dass diese Geschäftsreise zeitgleich mit empfindlichen Verhandlungen über neue Zolltarife zwischen den Gastgeberländern und den USA stattgefunden haben. Die beiden Trump-Söhne konnten fast überall äußerst vorteilhafte Verträge für ihr Trump-Unternehmen abschließen.

Da ist zum Beispiel überraschenderweise Vietnam unter den wenigen Ländern, die sofort Trumps Friedensrat beigetreten sind. Das selbe Vietnam, das Jahrzehnte von US-amerikanischen Streitkräften auf die schrecklichste Weise zugerichtet wurde. Das selbe Vietnam, das außergewöhnlich lange dem US-Terror standgehalten hat. So lange, bis die Bevölkerung der USA selber das Ende dieses bestialischen Krieges erzwungen hat. Doch jetzt empfangen höchste Regierungsvertreter die beiden Trump-Söhne. Vietnam erlaubt der Trump-Sippe, im Norden Vietnams einen gigantischen Golfplatz zu errichten. Und ein Luxushotel obendrein (4). Dafür vertreibt die vietnamesische Regierung sogar Reisbauern von ihren Pachtgrundstücken ohne ihnen einen Ersatz oder eine angemessene finanzielle Kompensation zukommen zu lassen (5). Denn Trump hatte Vietnam einen Zoll von 46 Prozent auf Exporte in die USA aufgebrummt. Aber wenn die vietnamesische Regierung jetzt so nett zu Eric und Don gewesen ist, dann wird Papa im Weißen Haus doch wohl den Zoll senken, oder?

Man kann ja mit solchen Gefälligkeiten die Trump-Dynastie auch in anderen Ländern gewogen stimmen. So haben die Trump-Söhne auf ihrer Welt-Tournee in Katar Luxus-Golfplätze und Villen genehmigt bekommen (6). In Dschiddah in Saudi-Arabien wird ein Trump-Tower gebaut (7). Weitere Trump-Türme sind in Arbeit. Auch in Dubai und Oman haben die Trump-Brüder abgesahnt (8). Man versteht sich. Nur Geld verdienen ist cool, oder?

Wie ist das möglich, dass eine solche Kleptokraten-Orgie, eine derart niveaulose Beleidigung jeder Menschlichkeit und jeden Anstands auf der Weltbühne stattfinden kann? Früher hat man sich doch zumindest noch ein bisschen Zurückhaltung auferlegt.

Höchstwahrscheinlich wird Trumps Board of Peace irgendwann als Bauruine und Mahnmal des Größenwahns und der Inkompetenz wortlos zu Grabe getragen. Aber der Schaden für die Menschheit – und die Menschlichkeit, ist gigantisch. 

Quellen und Anmerkungen

(1) https://apolut.net/macht-netanjahu-die-drecksarbeit-fur-blackrock-von-hermann-ploppa/

(2) https://eualive.net/bulgarias-caretaker-pm-joins-trumps-board-of-peace-at-oligarchs-urging/

(3) https://ecfr.eu/article/welcome-to-the-jungle-trumps-board-of-peace-goes-global/

(4) https://www.scmp.com/news/asia/southeast-asia/article/3310916/trump-tower-ho-chi-minh-city-us-presidents-son-visits-vietnam-amid-us15-billion-deal?utm_source=chatgpt.com

(5) https://www.reuters.com/world/asia-pacific/fistful-dollars-rice-vietnam-farmers-displaced-15-billion-trump-golf-club-2025-08-11/?utm_source=chatgpt.com

(6) https://www.reuters.com/world/middle-east/qatari-diar-dar-global-introduce-trumps-first-real-estate-development-qatar-2025-04-29/?utm_source=chatgpt.com

(7) https://apnews.com/article/saudi-arabia-trump-organization-jeddah-dar-global-539989a563d8f7eb949be2e10ee18d0a

(8) https://www.investing.com/news/commodities-news/factboxwhat-links-have-trump-and-his-allies-maintained-with-oilrich-gulf-states-3704269?utm_source=chatgpt.com

Hermann Ploppa

Hermann Ploppa, Jahrgang 1952, ist Politologe und Publizist. Er hat zahlreiche Artikel über die Eliten der USA veröffentlicht, unter anderem über den einflussreichen Council on Foreign Relations. 2008 veröffentlichte er „Hitlers Amerikanische Lehrer“, in dem er bislang nicht beachtete Einflüsse US-amerikanischer Stiftungen und Autoren auf den Nationalsozialismus offenlegte und öffnete bereits einem großen Publikum die Augen über die tatsächlichen Hintermänner des Diktators. Sein Bestseller „Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern“ sorgt nach wie vor für angeregte öffentliche Diskussionen. Seine neueste Veröffentlichung „Der Griff nach Eurasien“ beschäftigt sich mit den Hintergründen des ewigen Krieges gegen Russland.

Ploppa widmet sich den tiefen Strukturen und komplexen Zusammenhängen in Bezug auf das eurasische Verhältnis. Wer hat Interesse, dass Europa und Asien nicht weiter zusammenwachsen? Was sind die Bestrebungen des US-Imperiums, wenn China derzeit zur neuen Weltmacht aufsteigt? Welche Mittel und Wege werden gefunden, um der Herzland-Theorie von Mackinder folgend, Europa und Asien ewig zu spalten? Hermann Ploppa ist bekannt für seine akribische Recherche und pointierte Interpretation historischer und politischer Ereignisse. Er bringt zusammen, was in der deutschen Medienlandschaft, vor allem auch im Hinblick auf die eigene Historie, komplett verdrängt wurde.

Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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