Trump wird vorübergehen, dessen vermeintlicher Faschismus wird abwählbar bleiben – schauen wir lieber mal auf Westeuropa, wo kaum mehr was abwählbar scheint.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Wieder mal ein Unfall der Geschichte. Etwas, das passiert ist und nicht absehbar war. Dergleichen kommt immer wieder vor – immer dann nämlich, wenn jemand die Regierungsgeschäfte übernimmt, der – völlig wertfrei gesprochen – mit dem Alten bricht. Oder bei dem es so aussieht, als breche er mit dem Ancien Regime. Aktuell hat man dem amtierenden US-Präsidenten dieses Label angehängt. Und plötzlich saß er im Weißen Haus – und dann, nachdem er sich wegen einer Abwahl von seinem Platz erheben musste, nahm er abermals dort Platz. Wiedergewählt. Der Unfall der Geschichte, wir wissen es, weil man es quasi dauernd wiederholt, ereignete sich sogar zweimal – wobei schon dieser Umstand, dass der vermeintliche Unfall, inkarniert in der Person dieses Donald Trump, sich wieder abwählen ließ, jene zum Nachdenken anregen sollte, die vom Schlimmsten ausgehen.
Vom F-Wort nämlich – der Kategorie, mit der man links seit mindestens 1949 täglich hausieren geht, wenn innerhalb der freimütig-demagogische Grundordnung etwas so läuft, wie man es selbst nicht haben will. Nun wendet man jenes Wort auch für die Vereinigten Staaten an. Der Unfallverursacher nämlich, er habe den Faschismus US-amerikanisiert. Erstaunlich, dass man dabei vergisst, dass er ein Wiedergewählter ist – und nebenher, so großartig überraschend ist es nicht, dass in den USA immer mal wieder Leute zu Ruhm und Ehren kommen, die man auf den ersten Blick nicht dort wähnen würde. Denn das »politische Fachpersonal«, es hat völlig versagt und ein Reservoir für größtmögliche Unzufriedenheit geschaffen. So entstehen Unfälle – so knallt es. Nichts kommt aus dem Nichts. Nie und nimmer.
Faschismus, immer wieder Faschismus …
Nun muss ich ehrlich zugegeben, dass ich diese Faschismus-Rufe – das F-Wort, von dem ich eben sprach – schon seit geraumer Zeit nicht sonderlich leiden kann. Hin und wieder fühle ich mich auch ertappt, wenn ich etwa über EU-Sanktionen gegen Journalisten und gegen die Meinungsfreiheit schreibe und den Impuls hege, dies alles als faschistische Maßnahmen zu kennzeichnen. Ist das nötig? So frage ich mich dann ertappt. Und überhaupt: Gibt es Ungerechtigkeit und Autokratie nicht außerhalb eines Systems, das Faschismus sein soll? Mir ist so, als sei die Welt, ehe der Faschismus in sie trat, auch schon ein Jammertal und ein Höllenritt gewesen – im Dreißigjährigen Krieg, lange vor dem 20. Jahrhundert ausgetragen, geschahen Grausamkeiten und wurden despotische Maßnahmen exekutiert, ohne dass man vom F-Wort und der F-Praxis etwas wusste. Magdeburg wurde 1631 zerstört, mindestens 20.000 Menschen fanden den Tod. War dieses »Magdeburgisieren«, wie man den Vorgang danach nannte, etwa faschistisch? Sie sehen schon, wie albern das ist.
All diese Berichte aus den zeitgenössischen Vereinigten Staaten, aus Trump-Amerika, die mit dem Vorwurf eines dräuenden, ja gar schon eines etablierten Faschismus‘ wuchern, sind kaum mehr erträglich. Geht es eine Spur weniger marktschreierisch? Was in jenem Land über dem Atlantik geschieht, muss man ja nun tatsächlich nicht für lobenswert erachten, aber dass dort drüben nun ein 1933 ausgebrochen sei, weil sich wieder mal ein Unfall der Geschichte ereignete, ist hanebüchen und freilich auch propagandistisch. Ich komme nochmals zu dieser Frage zurück: Braucht man denn den Faschismus, um Gewalt auszuüben? Eine artverwandte Frage, die auf demselben Feld gestellt wird, ist diese hier: Ist es wirklich so, dass die Verwerfungen und Ungerechtigkeiten, die es weltweit gibt, sich lediglich immer als eine Folge des Kapitalismus erweisen müssen? Gab es solche Missstände nicht auch schon in Zeiten, in denen man vom kapitalistischen Wirtschaftssystem noch gar nichts wusste?
Beide Fragen sind substanziell, denn wir wissen ja, weil es gerne wiederholt wird, mittlerweile sogar vom Mainstream: Der Faschismus sei der über die Stränge schlagende Kapitalismus. Faschismus als »terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«? Schöne Grüße von Georgi Dimitroff … All das klingt freilich markig, unglaublich systemkritisch und gescheit. Das stimmt aber ungefähr so sehr, wie das mit dem Unfall der Geschichte, der aus dem Nichts über das Land kam. Mussolini »erfand« das faschistische System – es sollte eine Art dritter Weg zwischen Kapital und „sozialistische Bestrebungen“ sein, zwischen Stadt und Land und – in Italien – zwischen dem agrarischen Mezzogiorno und dem industriell prosperierenden Settentrione. Der Staat, ein mächtiger, ein über die Maßen starker Staat, ein zweckorientierter Leviathan, der sich selbst als unantastbare Gottheit zu begreifen hatte – und dessen Führer diese ungeheuerliche Potenz als menschliche Kreatur abbilden sollte –, verstand sich als Mittler zwischen gegensätzlichen Entitäten. Er sollte zwischen den Lagern stehen, die Interessen in sich bündeln. Zurückzuführen ist der Begriff »Faschismus« auf das Liktorenbündel der alten Römer, den Fasces, dem Logo der Schwarzhemden – gebündelt werden sollten aber nun eben auch alle Kräfte, linke wie rechte Bestrebungen, um ein leistungsfähiges Gemeinwesen zu schaffen.
Vor der eigenen Haustür
Ich bin mir nicht mehr sicher, welcher Historiker einst darauf verwies, dass der italienische Faschismus nicht sympathisch war, aber eben operettenhaft genug, um nicht die ganz großen Verbrechen zu begehen – denen widmeten sich dann die Deutschen, die den Import des Faschismus in der Erscheinung des Nationalsozialismus pervertierten. Möglicherweise wies Sebastian Haffner darauf hin? Oder war es Joachim Fest? Denn die Juden verfolgten die Faschisten jenseits des Brenners nicht – erst später, als die Nazis ihren italienischen Vorlagengeber fest im Griff hatten, gerieten sie auf völlige Abwege. Bevor ich mich verfranze: Wo bitte ist im vermeintlich US-amerikanischen Neo-Faschismus, der sich angeblich unter Donald Trump etabliert, die Vorstellung eines Staates zu spüren, der die Partikularinteressen bündelt, um jedem – in der Theorie wenigstens – gerecht zu werden? Von Trump vernimmt man viel, er sonnt sich sicherlich auch nicht ungerne in seinem Personenkult – aber ist er derjenige, der Kapital und „sozialistische“ Umverteilung zusammenführen will? Soll die reiche West- und Ostküste den armen Rusty Belt auffangen? Davon wurde bis dato noch nichts berichtet.
Übrigens, jetzt werde ich nihilistisch: Wenn nationale Souveränität überhaupt etwas bedeutet, dann doch wohl, dass andere Völker auch einen wie auch immer gearteten rigiden Staat verwirklichen dürfen. Erstaunlich folglich ebenfalls, dass nun etliche Leute hierzulande voller Sorge über den Atlantik blicken, die sonst ihren Groll gegen die US-Amerikaner nicht verbergen konnten. Warum sorgen sie sich denn nun plötzlich derart um die Zukunft der US-Amerikaner? Nicht wenige von denen, die nun brennender Sorge sind, unterlassen es jedoch, vor der eigenen Haustür zu begutachten. Deutschland und Westeuropa – oder andersherum? – entwickeln sich zu einem System, das eines wohl besser kann, als dieser Donald Trump: Sich vor einer Abwahl schützen. Sie legen ihren rigiden Staat – ihren Faschismus? – so an, dass er strukturell ist. Egal was man dereinst anstellen will, es wird nicht mehr abzuwenden sein.
Wie steht es denn um das faschistische Potenzial auf unserem Kontinent? Gemessen an der klassischen Idee des Faschismus, kann man in unseren Gefilden etwas feststellen, was für die zeitgenössischen Vereinigten Staaten nicht zutrifft: Eine gewisse Allmachtfixierung – vorsichtig ausgedrückt – unter dem Banner eines starken Staates oder eines übermächtigen Staatsbündnisses, lässt sich attestieren. In Washington ist das nicht der größte Antrieb – auch wenn unter Trump natürlich Zuständigkeiten mit und gegen die einzelnen Bundesstaaten diskutiert werden. Nur ist das nicht neu, sondern steckt seit Anbeginn in der Matrix jener Union in Übersee. Ständig rangen Bundesstaaten mit den Feds, konkret mit dem Präsidenten, um Kompetenzen und Rechte. Das ist weder »typisch Trump«, noch steckt darin derselbe Impuls, wie im westeuropäischen Pendant. Denn auf diesem unseren Kontinent träumt man vom überwachten Bürger, von Meldestellen und Redaktionsdurchsuchungen ohne richterliche Genehmigung. Steht all das dem Faschismus nicht etwa näher als das, was sich dort drüben abspielt?
Die US-Amerikaner sind widerstandsfähiger als die Westeuropäer
Mich erfüllen die letzten Zeilen und Absätze mit etwas Unzufriedenheit. Denn eigentlich wollte ich nicht zu sehr in die F-Falle tappen. Ob nun hier oder dort mehr Faschismus drinsteckt: Ist das von Belang? Wem hilft das? Im Kern zeigt sich doch, dass das F-Wort für die Einordnung politischer Phänomene von heute ungefähr so geeignet ist, wie die Richtungsangaben »links« oder »rechts« – da letzteres irrtümlicherweise als Synonym für den Faschismus herangezogen wird, entgegen dem, was beispielsweise Götz Aly aktuell, Eberhard Jäckel oder Sebastian Haffner einst, dazu anmerkten, macht das Dilemma erst perfekt. Die Linken hatten die Nationalsozialsten – wenn wir die mal als deutsche Spielart der Faschisten durchgehen lassen – schnell in der Tasche. Die Wähler der Kommunisten fielen schnell um und wählten recht bald jene Partei, die soziale Versprechungen machte – und sie auch einhielt. Wenn auch freilich lediglich für Volksgenossen. War dieses Soziale nur Kalkül? So erklärt man das häufig. Vielleicht trifft es zu – vielleicht auch nicht. Aber anders gefragt: Ist der Sozialstaat an sich nicht immer Kalkül, eine Wette auf den sozialen Frieden, der die Villen der Reichen besser schützt, als hohe Mauern?
Ich kann mir die oben gestellte Frage abermals nicht verkneifen, auch wenn ich weg wollte von diesen Faschismus-Vergleichen: Hat man im neuen Faschismus unter Trump denn etwas von sozialen Reformen gelesen? Macht das sein System jetzt eher faschistisch oder eher nicht? Merken Sie, man bekommt einfach keine Ordnung in die Sache. Dieses historische Wortungetüm scheint aus der Zeit gefallen, weil es sich auf heutige Systeme nur schwerlich übertragen lässt.
Lassen wir also zum Ende hin dieses leidige Wort weg. Sprechen wir nüchtern von dem, was hier und dem was dort ist. Ohne es mit Begrifflichkeiten aus der Geschichte zu schmücken, die ohnehin keinen Wert und keinen Bezug mehr haben können. Worauf ich eigentlich hinaus will, das ist die Arroganz des alten Europas, das nun nach drüben schaut und so tut, als habe es genau verstanden, was sich in den States abspielt. So als ob wir auf diesem Kontinent geläutert genug sind, um das zu begreifen. Schließlich haben wir das schon durch. Haben wir? Eines muss man dem überheblichen Westeuropäer mal sagen: Trump wird vorübergehen – er wird nicht mehr gewählt werden können. Vielleicht wird sein heutiger Vize Nachfolger, vielleicht aber auch nicht. In den Staaten wird das System, wie es war – ungerecht, kurzsichtig, aber dennoch halbwegs stabil – weiterhin existieren. Trumps Administration wird, völlig wertfrei ausgedrückt, nichts derart Nachhaltiges hinterlassen, sodass die USA nach seiner Regierung ein völlig anderes Land sein könnte. Es wird mehr schlecht als recht, also so wie es immer schon war, weiterlaufen. Und Westeuropa? Hier setzt man strukturell an, hier manifestiert man ein Regime, das sich tief in die nationalen Gesetzgebungen verschraubt – Westeuropa ist nachhaltig in diesem Punkt. Und bald werden die USA auf Westeuropa blicken und festhalten, dass das nun mal das Wesen der Wetseuropäer sei, in den Faschismus zu schlittern. Ob sich jenes historische Wort dann eignen wird, um dem Wesen des neuen feudalen Westeuropas gerecht zu werden, entscheiden wir vielleicht besser, wenn es so weit ist.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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