In den großen deutschen Medien erfährt man heute nichts über die andere Seite der Front im Ukraine-Krieg. Nur noch sehr selten werden deutsche Korrespondenten nach Donezk oder Lugansk geschickt. Man ist unter diesen Umständen gezwungen, sich auch über russische Quellen – wie zum Beispiel Dokumentarfilme – zu informieren, was nicht heißen muss, dass man russische Sichtweisen übernimmt. Ende Februar fand im Moskauer Veranstaltungszentrum Rossija ein Dokumentarfilm- Festival statt. Schwerpunkt des Festivals, war die „Militärische Spezialoperation“ in der Ukraine. Das Festival wird seit 2023 jedes Jahr organisiert.
Ein Exklusivbericht unseres Moskauer Korrespondenten Ulrich Heyden

Als Michail Gorbatschow in der Sowjetunion den Umbau der Gesellschaft (Perestroika) und Offenheit (Glasnost) ausrief, war man in Deutschland begeistert. Denn in der Sowjetunion wurden nun plötzlich „weiße Flecken“ – also tabuisierte Themen – aufgearbeitet, um welche sowjetische Geschichtswissenschaft und Politik einen Bogen gemacht hatten. Bei diesen Themen ging es besonders um die Repressionen unter Stalin.
Die „weißen Flecken“ sind jedoch nicht verschwunden. Sie sind weitergewandert. Nun gibt es sie in Deutschland. Man erfährt in deutschen Medien nicht, was in dem Teil des Donbass passiert, der von der russischen Armee kontrolliert wird. Die großen deutschen Medien berichten nur noch von der ukrainischen Seite der Front und es werden die offiziellen Stellungnahmen aus Kiew nacherzählt.
Was passiert nun genau auf der russischen Seite der Front? Was denken die Soldaten dort und was umtreibt ihre Angehörigen zuhause? Was denkt die Zivilbevölkerung? Wie verändert sich die menschliche Psyche im Krieg? Diese Fragen werden nicht in russischen Nachrichtensendungen aber in einigen russischen Dokumentarfilmen behandelt. Wenn wir als Deutsche uns für diese Fragen nicht interessieren, entsteht ein falsches Bild vom Krieg in der Ukraine.
Allein mit Soldaten
Der Dokumentarfilm „U kraja besdny“ (Am Rande des Abgrunds) von Maksim Fadejew, riss mich aus meinem geregelten Moskauer Alltag und schnürte mir die Kehle. Der Film zeigt die Säuberung eines Wohnviertels unweit des Asow-Stahlwerkes von ukrainischen und rechtsradikalen Asow-Soldaten durch das Donezker Freiwilligenbataillon Somali im März 2022.
In dem Film gibt es Niemanden mit Krawatte hinter einem Bürotisch, der die Ereignisse „einordnet“. Der Zuschauer ist allein mit Soldaten, die schießen, Befehle geben, mit dem Radiotelefon Informationen einholen, Zigarre rauchen, schlafen, aus ihrem Leben erzählen, einen Kaffeebecher mit einem Bunsenbrenner heiß machen, Verwundete wegschleppen, alte Frauen durch gefährliche Schneisen führen, Wasser holen und Munition schleppen. Der Zuschauer taucht emotional tief ein in die Welt des realen Krieges. Nur manchmal hört man im Hintergrund die ruhige Stimme des Regisseurs, der mit wenigen Worten auf Ortswechsel oder neue Situationen hinweist.
Im Abspann des Filmes werden in Schwarz-Weiß die Bilder von russischen Soldaten in Kampfuniform eingeblendet. Unter jedem Bild wurde der Geburts- und der Todestag des Soldaten eingeblendet.
Ich war bedrückt. Alle Soldaten der Somali-Einheit waren zwischen 27 und 42 Jahre alt. Sie alle leben nicht mehr. Sie starben 2022/23 bei Kampfeinsätzen im Donbass. Der einzige Überlebende ist ein Zivilist, der Kameramann und Regisseur Maksim Fadejew, der die Somali-Einheit einen Monat lang begleitete.
Zu den Bildern der gefallenen Somali-Soldaten wurde im Film die traurige Rockballade „Zehn Schritte“ des russischen Musikers Wjatscheslaw Butusow eingespielt. In der Ballade heißt es, „ich dachte nicht daran, was ich für ein Kämpfer bin. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was ich für ein Soldat bin. Aber ich fühlte das baldige Ende und machte meinen ersten Schritt. (…) Und der, welcher sein Haus verlässt, ungeschützt vor neuen Göttern. Und ich muss mich auf den Tod vorbereiten. In zehn Schritten.“
Die Rockballade hat einen Ursprung, der länger zurückliegt, als der Krieg im Donbass. Die Ballade spielt an auf den Soldaten Aleksandr Matrosow, der im Februar 1943 hunderte sowjetische Soldaten vor dem Maschinengewehrfeuer aus einer deutschen Stellung rettete, weil er sich an die deutsche Stellung heranschlich und sie mit einer Handgranate außer Gefecht setzte.
Vom Designer zum Kriegs-Dokumentalisten
Der große Saal im Veranstaltungszentrum Rossija war bis auf den letzten Platz besetzt. 400 Zuschauer waren gekommen, um die vierte Folge des Filmes „Am Rande des Abgrunds“ von Maxim Fadejew und Sergej Belous zu sehen. Das Durchschnittsalter der Zuschauer lag bei 40 Jahren. Es waren etwa so viele Frauen wie Männer gekommen.
Der starke Publikumsandrang hat einen Grund. „Am Rande des Abgrunds“ ist der einzige russische Dokumentar-Film, indem russische Soldaten im Ukraine-Krieg in realen Kampfsituationen gezeigt werden. Für den Film wurde kein Szenarium geschrieben. Er besteht aus einer Abfolge von militärischen Ereignissen.
Der Filmemacher Fadejew war Designer in der Stadt Slawjansk. Er fuhr zu Foto-Sessions in die EU. Aber 2014 entschied er sich, den Bürgerkrieg im Donezk-Gebiet zu filmen. Er gewann das Vertrauen des Freiwilligen-Bataillons Somali und begleitete die Soldaten bei ihren Einsätzen am Flughafen von Donezk und anderen Brennpunkten.
In der Diskussion nach dem Film, äußerten viele Zuschauer am Saal-Mikrofon ihre Dankbarkeit für die Arbeit des Regisseurs. Viele Zuschauer hatten Angehörige, die in der Ukraine kämpfen oder sie hatten selbst dort gekämpft. Die Zuschauer waren berührt, dass der Mut der Somali-Kämpfer so hautnah und echt gezeigt wurde.
„Der Dokumentarfilm wurde vergessen“
Auf die Frage eines Zuschauers, warum es nicht mehr Filme von der Art „Am Rande des Abgrunds“ gibt, erklärte Regisseur Fadejew, das sei eine „schwierige Frage“, auf der er „leider keine Antwort“ habe. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ habe die Arbeit für Kino-Filme sowohl auf sowjetischer, wie auf deutscher Seite, „eine sehr große Rolle“ gespielt. Kino-Filme seien damals ein „zentrales Propagandamittel“ gewesen. Nach 1945 sei die Kunst des Kino-Dokumentarfilms in Vergessenheit geraten. Weder über den Krieg in Afghanistan, noch über den Krieg in Tschetschenien gäbe es sowjetische beziehungsweise russische Kino-Dokumentarfilme.
Bei der Befreiung von Budapest 1944/45 durch die Rote Armee seien 20 sowjetische Kameraleute im Einsatz gewesen. „Bei den Städten in der Ukraine, die jetzt von der russischen Armee befreit wurden, wie jetzt Pokrowsk“, seien nur ein, zwei russische Kameraleute im Einsatz.
„Krieg wird nur zu sieben Prozent militärisch geführt“
Krieg werde heute heutzutage vor allem kognitiv – also über psychische Vorgänge wie die Wahrnehmung – geführt, erklärte der Regisseur. Der rein militärische Teil des Krieges mache nur sieben Prozent aus. Krieg werde vor allem im Bereich der Medien, der Erziehung und Bildung an den Schulen und Kindergärten, über Kinderbücher und Filme, geführt.
Bei einem Kriegsfilm sei nicht das Wichtigste den genauen Standort einer militärischen Einheit oder etwas über die Strategie zu erfahren (sowie es heute im russischen Fernsehen gehandhabt wird). Das Wichtigste sei, „die Gesichter der Soldaten zu zeigen“. Diese Gesichter würden alles Wichtige erzählen. Man sehe in den Gesichtern Mut, Anspannung, Angst, Hoffnung, Freude.
„In der Medien-Arbeit ist das Asow-Bataillon besser“
Der Westen sei Russland in der Filmproduktion zum Thema Ukraine-Krieg voraus. Allein auf Netflix gäbe es 15 Filme zu dem Thema. In Russland gäbe es wesentlich weniger Filme zur „Spezialoperation“. In Russland gäbe es keinen einzigen Kino-Film über russische Eliteeinheiten, wie die Marineinfanteristen.
Das rechtsextreme, in Russland verbotene Asow-Bataillon habe heute einen starken ideologischen Einfluss nicht nur auf die ukrainische Armee, sondern auch auf die Erziehung in den Kindergärten. Die Asow-Leute würden Filme mit künstlerischem Anspruch produzieren, die dann auf Netflix zu sehen seien. In jeder Asow-Brigade gäbe es eine spezielle Medien-Gruppe. Asow habe qualitativ sehr gute Tik-Tok und Instagram-Kanäle. Die Video-Kanäle von Asow hätten 1,5 Millionen Abonnenten. Allerdings vergaß Fadejew zu erwähnen, dass auch der Videokanal des russischen Verteidigungsmininsteriums 1,2 Millionen Abonnenten hat.
Die russische Armee habe sich von Film-Leuten abgeschirmt. Wenn überhaupt Dokumentar-Filme gedreht werden über russische Soldaten, dann seien es Filme über Freiwilligen-Einheiten.
“…. wie wenn man einen Eisschrank in die 12. Etage schleppt.“
Wenn er mit den Managern der russischen Plattformen für Kinofilme spreche, bekomme er zu hören, die Leute bräuchten keine Kriegsfilme, sondern „Raswlekucha“, also Filme zur Unterhaltung. Immerhin findet man den Vierteiler „Am Rande des Abgrunds“ seit Dezember 2025 in der Mediathek des russischen Pervi-Kanals. Doch der Weg zu diesem Erfolg war hart.
„Der Militär-Dokumentalist Maksim Fadejew musste zwanzig Versuche machen, um an ein großes Publikum heranzukommen“, kommentierte die Komsomolskaja Prawda. Nicht nur Fadejew, auch die anderen, russischen Militärkorrespondenten hätten Schwierigkeiten, ihre Filme im russischen Fernsehen unterzubringen. Heute sei „jeder Film über den Donbass und die Militärische Spezialoperation, die große Regisseure ablehnen, wie ein Eisschrank, den man gemeinsam in die 12. Etage hochschleppen muss, weil der Aufzug so eine Anlage verweigert.“
Während der Podiumsdiskussion erklärte Fadejew, er verstehe nicht, dass seine Filme nicht besser in Kinos und im Fernsehen platziert werden. Sie würden doch auf großes Interesse stoßen. Beweis dafür seien die hohen Zugriffszahlen im Internet und die Tatsache, dass der Vierteiler „Am Rande Abgrunds“ allein durch Spenden finanziert wurde.
Im Filmverleih und im Fernsehen laufen die Filme von Fadejew unter der Altersgrenze „18 plus“. Die Altersgrenze – so der Regisseur – würde von den Verleihfirmen damit begründet, dass die Soldaten rauchen, wofür nach russischen Gesetzen keine Werbung gemacht werden darf. Der Regisseur kritisierte diese Entscheidung. Es sei notwendig auch schon 16jährige über den realen Kriegsalltag zu informieren.
Von den großen Kino- und Fernsehanstalten werde auch moniert, wenn ein Mitglied der Freiwilligeneinheit Somali über sein Handy bei einem Familienmitglied einen Adidas-Anzug und rote Schuhe von Nike bestellt. Das sei „Produktwerbung“, die in einem Fernseh-Film keinen Platz habe.
Quellen:
Die Filme des IV. Dok-Filmfestivals https://rtdoc.tv/section/SELECTION_14
„Am Rande des Abgrundes“ (vierte Folge), von Maxim Fadejew und Sergej Belous https://t.me/RealdocProductions/832
Alle vier Folgen von „Am Rande des Abgrunds“ in der Mediathek des russischen „Perwij“-Kanals https://kino.1tv.ru/serials/u-kraya-bezdny?e=04
Rockballade „Zehn Schritte“, Wjatscheslaw Butusow https://yandex.ru/video/preview/11030990769303307525
Film „Unter Feuer und unter Gott“ https://vk.com/video-40316705_456474332?ysclid=mmby5qssku751806375
Ulrich Heyden wurde 1954 in Hamburg geboren. Er ist gelernter Metallflugzeugbauer und hat sechs Jahre in Hamburger Metallbetrieben gearbeitet. Er studierte auf dem Zweiten Bildungsweg Volkswirtschaft und danach Neuere und Mittlere Geschichte. Seit 1992 lebt und arbeitet er in Moskau. Er ist mit einer Russin verheiratet. Ab 1992 arbeitete er als freier Journalist für den „Deutschlandfunk“, „die tageszeitung“, „der Freitag“, „Sächsische Zeitung“, „Die Wochenzeitung“ (Zürich) und „Die Presse“ (Wien). Nachdem Mainstream- und auch linke Medien ab 2014 die Zusammenarbeit mit ihm beendeten, ist er nun tätig für „Nachdenkseiten“, „Globalbridge.ch“, „Overton-Magazin“, „Junge Welt“ und „RT DE“. Er macht auch Filme, die man auf seiner Website findet (ulrich-heyden.de).
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