Brauchen wir noch einen Konservatismus? Oder kann er weg?
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Hurra, endlich wieder ein Konservativer! Einer, der die Union wieder zu ihren Traditionen zurückführt. So klang das, als Friedrich Merz vom schwarzen Felsen herabstieg, um in den Niederungen deutscher Parteienpolitik erneut Fuß zu fassen. 2018 erfolgte diese Rückkehr dieses konservativen Messias. Er sollte die Zeiten der angeblich sozialdemokratisierten Bundeskanzlerin beenden – was die Frau sicher nie war, sie saß nur allerlei aus, was ihr lästig erschien und so hatte man einfach keine Vorstellung davon, für was sie inhaltlich tatsächlich steht. Dass sie in ihren späten Jahren dann dem Wahrheitskomplex auf dem Leim ging – um Norbert Häring zu zitieren, ist auch nicht als sozialdemokratisch oder gar links zu bewerten, sondern war Ausdruck ihrer Orientierungslosigkeit.
Mit einem hatten die Berichterstatter damals aber tatsächlich recht: Angela Merkel war keine Konservative. Friedrich Merz allerdings auch nicht. Sein Weltbild bestand schon früh aus Reformen, Verändern und Umwälzen; zur Zeit der Agenda 2010 machte er klar, dass die Mobilisierung der trägen Massen nicht weit genug führe: Arbeitslose müssten aktiviert werden, die totale Flexibilität sei nun gefordert – wenn nötig, müsse man verlangen, dass die Betroffenen sich selbst aus ihrem altbekannten Umfeld herausnehmen, um fernab von Heimat, Familien und Freunden berufliches Niedrigjob-Glück zu finden. Tradition, Erhaltenswertes, ein Bekenntnis zu familiären Strukturen: Fehlanzeige bei Merz! Letztlich immer gewesen – auch heute klingt er nicht wie jemand, der bedächtig im Sinne des Erhalts agiert, sondern der mit »raschen Entschlüssen zu Tausenden elend macht«.
Evolution statt Bilderstürmerei
Das ist eine Formulierung des britischen Philosophen Edmund Burke (1729 – 1797). Der verurteilte einst die Französische Revolution, ganz besonders deren Antrieb, die Gesellschaft auf Teufel komm raus zu verändern und neu auszurichten – das ging so weit, dass man kurzzeitig sogar eine neue Woche mit zehn Tagen einführte. Wer sich an den alten Wochentakt hielt, outete sich als Anhänger des Ancien Regime und galt schnell als suspekt – man lebte im Angesicht des Fallbeiles gefährlich. »Wut und Verblendung können in einer Stunde mehr niederreißen«, so schrieb Burke, »als Klugheit, Überlegung und weise Vorsicht in hundert Jahren aufzubauen imstande sind.« Einer konservativen Weltsicht komme daher eine dringliche Rücksichtnahme zu – zumal »wenn die Gegenstände unsrer Zerstörung und unsrer Schöpfung nicht Holz und Stein, sondern empfindsame Wesen sind, die wir durch rasche und unüberlegte Entschlüsse zu Tausenden elend machen können.«
Burke zeichnet hier die Trennlinie zwischen denen, die sich im progressiven Eifer zu schnellstmöglichen Veränderungen hinreißen lassen, die sie zuweilen radikal übers Knie brechen – und zwischen einer Haltung, die nicht völlig verschlossen ist gegenüber Anpassungen, die aber Rücksichten nehmen möchte auf Konventionen, Traditionen, auf Kultur und historisch-universelle Werte, um das Gefüge und die Ordnung nicht völlig ins Chaos zu überführen und zu sprengen. Das kommt uns Zeitgenossen sicherlich an der einen oder anderen Stelle bekannt vor. Der Konservative strebt eine Evolution der Entwicklungen an – der revolutionäre Geist widerstrebt ihm. Friedrich Merz war diesem Sinne nach immer Gegenspieler konservativer Wertvorstellungen – als Wirtschaftsliberaler gab er gerne den Atomisierer der Verhältnisse, dem nichts heilig schien, wenn es nur der Liberalisierung der Arbeitsmärkte diente und den Sozialstaat schadete.
Konservatismus – das ist ein Wort, das in den politischen Debatten unserer Zeit allzu oft missverstanden, verzerrt oder vorschnell verworfen und mittlerweile geradezu pathologisiert wird. Man spricht von ihm mit einem Ton, der zwischen Skepsis und Spott schwankt, als handele es sich um ein Relikt vergangener Tage, um einen müden Reflex aus einer längst verstrichenen Zeit, die doch bitte jetzt keinesfalls zu einer Neuauflage kommen sollte. Denn er hemmt die Debatten, klammert sich an Vorstellungen, die man doch endlich mal ablegen sollte. Konservatismus wird als der Fortschrittsverweigerer schlechthin begriffen – als Blockierer, der an den Wertvorstellungen haftet, die die Großeltern auch schon so ähnlich pflegten. Am Ende sind es gar christliche Werte, die den Konservativen umtreiben und die ihm zu einem Wesen von gestern degradieren. Der Konservative muss daher mindestens ein Rechter sein – was er im politischen Koordinatensystem zwar ist, was als Vorwurf aber was ganz Anderes meint: nämlich eine Stigmatisierung. Doch der Konservatismus ist nicht das Gegenteil des Fortschritts – er ist dessen notwendiger Widerpart.
Man kann Mensch und Gesellschaft nicht auf Null stellen
Es gehört zu den großen Irrtümern unserer Epoche, zu glauben, Geschichte sei ein geradliniger Prozess, der unaufhaltsam auf ein Ziel zustrebt – unserer Aufgabe käme es daher irrtümlicherweise zu, diesen Prozess noch zu beschleunigen. Und dies gegen alle Widerstände, die sich in Form widerspenstiger Zeitgenossen auftun. Diese Vorstellung zeugt von großer Naivität, denn Veränderungen müssen sukzessive akzeptiert werden – man kann sie nicht gegen eine Bevölkerung durchsetzen, die in weiten Teilen konservativ empfindet. Konservativ dem Sinne nach, dass sie nicht wollen, dass sich ihr Leben täglich so sehr verändert, dass sie die Orientierung verlieren – so einen Impuls verspüren selbst die größten Progressiven zuweilen. Der Konservatismus erinnert daran, dass nicht alles, was neu ist, auch gut sein muss – und dass nicht alles, was alt ist, als überholt gilt. Er löst die geschichtlichen Bande nicht auf, die andere Denkrichtungen gerne ausblenden – der Konservative weiß, dass Mensch und Gesellschaft Produkte einer Entwicklung sind. Man kann nicht einfach auf die Tara-Taste drücken und alles auf Null stellen – der Mensch ist, was er ist, er ist nicht ideologisch erziehbar, man muss ihn als Mangelwesen mit teils herausragenden Charaktereigenschaften begreifen und akzeptieren.
Der Konservative ist überhaupt kein Feind der Veränderung. Er ist viel eher ihr kritischer Begleiter. Er fragt: Was gewinnen wir? Und bevor wir das klären: was könnte uns das kosten? Nicht unbedingt finanziell, sondern als Menschen, Familien, als Gesellschaften? Diese zweite Frage wird in einer Welt, die vom »Fortschrittsglauben« – was immer man im Moment als Fortschritt feiert, es sind ja weniger Technologien als Befindlichkeitsideologien – berauscht ist, allzu selten gestellt. Jede Veränderung hat ihren Preis. Wer ihn nicht kennt oder nicht kennen will, handelt verantwortungslos.
Man hat den Konservativen oft vorgeworfen, sie klammerten sich an das Gestern. Doch dieser Vorwurf verkennt das Wesen des Konservatismus. Es geht nicht – oder nicht nur – um Nostalgie, sondern um Verantwortung. Wer bewahren will, tut dies nicht aus sentimentaler Verklärung, sondern aus der Einsicht heraus, dass das Bestehende einen Wert besitzt, der sich nicht immer sofort erschließt – es hat sich so entwickelt, weil es vernünftige Aspekte in sich trägt. Der Konservative ist kein Vergangenheitsagent, sondern ein Anwalt der Kontinuität. Gerade in Zeiten tiefgreifender Umbrüche zeigt sich die Bedeutung konservativen Denkens. Wenn gesellschaftliche Gewissheiten ins Wanken geraten und ganze Gemeinwesen in Orientierungslosigkeit stürzen, wenn politische Systeme deshalb unter Druck kommen, dann braucht es Stimmen, die nicht in die Kakophonie widerspruchsloser Begeisterung untergehen. Stimmen, die warnen und mahnen und darlegen, dass Veränderung kein Wert an sich ist – und wenn sie erfolgt, so schrittweise, verträglich und nachvollziehbar. Der Wandel sollte sich organisch vollziehen – nicht aus Basis eines Bildersturms oder der teils tyrannischen Launen des Zeitgeistes.
Die menschliche Unzulänglichkeit
Der Zeitgeist ist ein launisches und oft übelgelauntes Wesen. Wer, wenn nicht wir Zeitgenossen, wüssten das besser? Was man uns heute als Wahrheit und Wirklichkeit nahelegt, gilt vielleicht schon morgen als überkommen oder – schlimmer noch – als geradezu kriminell. Nun ist der Konservative ja nicht immun gegen solche Irrtümer, da er aber gemeinhin weniger anfällig für Moden und Trends ist, geht er vielleicht nicht so schnell in die Falle, wie Vertreter anderer Denkschulen, die ganz offensichtlich einen Pakt mit der Gegenwart geschlossen haben. So ein Arrangement kennt der Konservative nicht, denn er schämt sich nicht, auch noch ein wenig im Gestern verfangen zu sein – anders als Progressive, denen das Gestern geradezu ein Graus ist. Wir erleben das aktuell: ein Feldzug gegen alles, was einst war, hat weite Teile der Gesellschaft erfasst. Die Gnade der späten Geburt macht diese Zeitgeistkrieger nicht etwa demütig, sondern überheblich.
In diesem Sinne ist der Konservatismus auch eine Form der intellektuellen Bescheidenheit. Er erkennt die Grenzen menschlichen Wissens und der menschlichen Möglichkeiten an. Er weiß, dass wir nicht alles planen, nicht alles kontrollieren können und dass Bertolt Brechts Worte zur menschlichen Unzulänglichkeit zutreffen: »Ja, mach nur einen Plan! / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch ’nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht.« Konservativ zu sein bedeutet auch, nicht alles umsetzen zu wollen, nur weil man glaubt es umsetzen zu können – der Verzicht gehört ein Stück weit zu dieser Haltung, denn die Unterlassung und Mäßigung kann tugendhafter sein, als der Aktivismus, der Drang etwas zu tun, um etwas getan zu haben – oft geschieht das ja ohne Reflexion, sondern nur aus dem Impuls heraus, »ein Zeichen zu setzen«.
Es wäre falsch, den Konservatismus als rein politische Haltung zu verstehen. Er ist mehr als das. Er ist eine kulturelle, ja eine existenzielle Haltung. Eine Lebensform, die in Theorie – nicht immer in der Praxis, der Mensch ist schließlich fehlbar – demütig ist und die diese Demut als Eigenschaft betrachtet, die die Gesellschaft nicht lähmt, sondern voranbringt und zu einem hoffentlich besseren Ort werden lässt. In einer Zeit, die vom Lärm der Meinungen erfüllt ist, klingt der konservative Ton sehr viel weniger nach Aufbruch in ein gelobtes Land. Dabei hat der Konservatismus nicht immer recht – das hat niemand –, er bietet eine Perspektive an, die leider zu oft fehlt. Natürlich müssen auch Traditionen manchmal korrigiert und angepasst werden – nicht alles Überlieferte ist gerecht. Der zelotische Eifer ist unter konservativen Gesichtspunkten aber kein zielführendes Vorgehen und widerspricht der menschlichen Natur.
Es gibt nur noch Liberalismus überall
Was davon findet sich heute in der politischen Landschaft wieder? Welcher politische Akteur weist auch nur in Ansätzen eine solche Haltung zum Zeitgeschehen auf? Die Union ist längst zu einer schlichten Partei unbeseelter Real- und Machtpolitik geworden – ein Stück weit war sie das freilich schon immer, wenngleich man ihr attestieren muss, in früherer Zeit durchaus noch konservative Denker in ihren Reihen begrüßt zu haben. Der »heutige Konservatismus« hat nichts von diesen Werten im Bestand – schlicht, weil er kein Konservatismus ist, genauso wie die Linke nicht links und die Sozialdemokratie nicht sozialdemokratisch sind. Wir haben es mit einer völligen Aushöhlung aller Denkrichtungen zu tun, die sich das alte Label behalten haben, die aber vollkommen entkernt wurden. Teils auch gekapert.
Die, die sich heute noch als Konservative ansprechen lassen – und es nicht sind –, erklären den Bürgern fortwährend, dass die Menschen umdenken müssen, ein neues Bewusstsein brauchen – dass die Conditio humana allerdings kaum veränderbar ist: Konservative wüssten das und verlangen nicht nach einem neuen Menschentypus. Dass nicht jeder tun und lassen kann, was er will, dass Gemeinwesen nicht liberale Beliebigkeit, sondern Beständigkeit und Verlässlichkeit benötigen, um lebenswert zu bleiben: Konservative sollten das wissen. Und diese ständige Staatsverdrossenheit, wenn es mal wieder heißt, der Staat müsse abspecken: Das passt nicht zu Menschen, die aus konservativer Haltung heraus verstehen, dass der Staat ein Ordnungsinstrument ist und sein muss, um das Zusammenleben zu arrangieren.
Oft liest man, wie sehr eine schlagkräftige und aufrichtige Linke im politischen Diskurs fehle. Und ja, das ist eine Wahrheit, der man nichts entgegensetzen kann. Sie fehlt tatsächlich! Was jedoch auch fehlt: Ein Konservatismus, der den Namen verdient und der versucht, auch politisch Einfluss zu nehmen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten den Liberalen das Feld überlassen – sie sind überall, in allen Parteien und Organisationen, in den Medien und im Kulturbetrieb, sie sind die Vertreter der letzten Denkschule, die überhaupt noch im Diskurs vorkommt. Dass die FDP kein Bein mehr auf den Boden bekommt, liegt einfach auch daran, dass der Liberalismus von Union über Sozialdemokraten bis hin zu den Linken und der AfD, etabliert ist. Er ist überall! Wozu benötigt man da noch eine dezidiert liberale Partei? Wir haben uns so an die liberale Weltanschauung gewöhnt, man vergisst fast, dass innerhalb der Gesellschaft mehr Denkarten vorherrschen, es gibt noch immer Linke wie Konservative – Denkarten, die im politischen Ringen keine Berücksichtigung mehr finden und die doch viele Aspekte böten, die bei den Liberalen kaum Raum einnehmen. Eine Regierungsform, die um Kompromisse ringen muss, braucht den Facettenreichtum komplexer Sachverhalte, um zu haltbaren Entscheidungen zu kommen.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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