Wir haben zwar über Jahre gesellschaftlich dekonstruiert, was ein Mann eigentlich ist – aber gleichzeitig wissen wir nun seit Wochen, dass Männer das schlimmste Übel überhaupt sind.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Es ist ein Mann. Es ist immer ein Mann. Wenn Gewalt ins Spiel kommt, sind es Männer, die diese anwenden. Besonders gerne gegen Frauen – und am liebsten gegen die eigene Partnerin. Im Zuge der Debatte um die Ehestreitigkeiten der Eheleute Collien Fernandes und Christian Ulmen, hat sich eine seltsame Anschauung – mal wieder – Bahn gebrochen, die man unter folgendes Motto stellen könnte: Es sind Männer, Dummkopf. Immer! Und da wir das nun wissen, heißt es Obacht, wenn sich ein männliches Wesen – was immer das heute bedeuten mag – nähert.
Der Kulturkampf ist vollends ausgebrochen. Menschen, die wie Männer aussehen, leisten öffentlich Abbitte. Tun sie das nicht, sollen sie lieber schweigen. Sie lassen sich vorführen von der totalen Hysterie und entschuldigen den biologischen Umstand, mit einem Penis zur Welt gekommen zu sein. Der Penisneid war tatsächlich noch sympathischer als dieser gezielte Hass, der auf die bloße Existenz dieses Geschlechtsteiles fixiert ist – wobei, hieß es nicht, dass der Penis auch ein weibliches Geschlechtsteil sein könne, wenn man sich dazu selbstbestimmt entschließt?
Sind Obdachlose auch Bestien?
Keine Ahnung, was dieser Ulmen wirklich getan hat – aber das zu einem Beispiel für die Verlotterung eines ganzen Geschlechts heranzuziehen, das Trauma einer (oder zweier?) Eheleute zur Grundlage eines öffentlichen Diskurses hochzustechen, ist schon einigermaßen haltlos. Dabei aber eine Diskussion über Männer vom Zaun zu brechen, die sich jetzt von Ulmen und der Gewalt distanzieren sollten, denen man am besten die Zugänge zum Internet oder überhaupt zur Gesellschaft verbieten sollte, ist hochgradiger Sexismus im Endstadium und sollte ein Fall für HateAid sein – aber wir wissen ja, die suchen sich aus, für wen sie Sprachrohr sein wollen und für wen nicht. Die managen den Hass gewissermaßen – sie möchten ihn nicht grundsätzlich abschaffen, sondern steuern ihn, indem sie den ihnen offenbar genehmen Hass einfach links liegen lassen.
Dass Männer häufiger physische Gewalt anwenden als Frauen – geschenkt. Das leugnet niemand. Was das alles mit diesem Vorfall der beiden C-Promis zu tun hat, weiß jedoch kein Mensch, der bei Verstand ist. Aber egal, der Mann ist nun in den Brunnen gefallen und darüber ist zu sprechen. Männer sind aber auch, das ist die andere Seite der Medaille, häufiger Opfer von Gewalt. Männer haben mehr tödliche Arbeitsunfälle. Und ja, trotz den Beteuerungen der Geschlechtergleichheit, werden auch in der Zukunft zuallererst Männer herangezogen, um im Ernstfall ihr Leben an einer gottverlassenen Front zu lassen. Wenn irgendwelche irren Veranstaltungen wie im China der Kulturrevolution Männer zur Selbstkasteiung treiben, sollten sie eines wissen: Wenn der Krieg in Osteuropa eskaliert, müssen die Veranstalter solcher Scherbengerichte sich von einem Wesen verteidigen lassen, das sie selbst sich nur noch als Gewalttäter denken können.
Sind eigentlich Obdachlose auch potenzielle Bestien? Die Mehrzahl derer, die auf der Straße leben sind Männer. Männer können hoch hinaus. Aber wenn sie fallen, dann oftmals tiefer als man es sich für ein menschliches Wesen wünschen möchte. Diese ganze Debatte – das Wort »Debatte« passt eigentlich gar nicht – fragt nicht einmal nach Strukturen, nach Hintergründen, wie Männer leben und was von ihnen verlangt wird. Sie kommen darin als Monster vor – aber eben auch als Masters of the Universe. Letztere gibt es natürlich. Aber nicht jeder Mann ist potenziell mächtig, potenziell reich, potenziell für Großes vorbestimmt. Die Herkunft macht es – in Deutschland mehr als in anderen Staaten, die gesellschaftlichen Schichten sind zuweilen kaum durchlässig. Aber darüber wird kein Wort verloren, man generalisiert – man stelle sich vor, so sprächen heute Männer von allen Frauen. Alle Frauen: die gibt es ungefähr so, wie es alle Männer gibt.
Alle Frauen sind potenzielle Kindsmörderinnen!
Im letzten Dezember wurde eine junge Frau vom Landgericht Darmstadt wegen Totschlags an ihrem Neugeborenen verurteilt – fünf Jahre Jugendstrafe. Ein exemplarischer Fall, es kommt immer mal wieder vor – zum Glück nicht regelmäßig –, dass Mütter ihren Kindern Gewalt antun. Manche Väter tun das auch, sie verprügeln den Nachwuchs – wenn es ums Töten der Kinder geht, sind erstaunlich häufig Mütter involviert, oft sogar als Haupttäterin. Und das Schweigen der Frauen? Hat da jemand laut gerufen, Frauen mögen sich distanzieren und bitte jetzt ein eindeutiges Zeichen setzen, dass sie diese Form der Bestialität nicht mehr dulden wollen? Natürlich nicht. Weder waren Mutter und Kind im oben kurz angerissen Fall c-prominent noch würde man je einen Gedanken daran verschwenden, jeder Frau oder jeder Mutter eine solche Sache zu unterstellen. Man würde es als Frechheit empfinden – und das ganz zurecht.
Männer sollten aber gar nicht erst einen Gedanken daran verschwenden, in den Unterstellungen, die man ihnen macht, eine Frechheit zu wittern. Tun sie das doch, legt man es ihnen als Unverbesserlichkeit aus. Man bezichtigte sie, keine Einsicht an den Tag zu legen. Nein, sie sollen Demut zeigen – auch wenn das Wort Demut keiner mehr nutzt, kennt ja kaum noch jemand. Irgendwo in diesem vertrackten Moralismus der Stunde, lauert dann auch die Erkenntnis, dass Männer nun mal von Natur aus so gebaut seien: Aggressiv, brutal, zu jeder Schandtat bereit. Die Biologie wurde zwar in den letzten Jahren massiv abgeräumt, aber wenn sie gerade in den Kram passt, holt man sie aus der Mottenkiste. Da tut sich die Frage auf: Ist der Transmann auch eine Bestie? Oder ist er, da als Frau geboren, im Grunde der bessere Typ Mann für die Gesellschaft?
Männer werden häufiger angeklagt und verurteilt. Und – nicht unwesentlich – erhalten im Schnitt längere Strafen für dieselben Vergehen. Das ist besonders bitter, denn eine kürzere Lebenserwartung haben Männer zudem. Wollen wir noch über Beziehungen oder besser gesagt über Trennungen sprechen und den Kampf um die Kinder? Unterhaltsregelungen treffen öfter Männer als Frauen. Eingeschränkter Zugang zum eigenen Spross: Männersache. Aber offenbar ist das nicht weiter verwegen, denn es ist sicherlich gut, die lieben Kleinen vor Wesen zu beschützen, die jederzeit wie aus dem Nichts zu Gewalt und Verbrechen neigen. Dass diese Bestien eine höhere Suizidquote aufweisen als das Gute, als Frauen: Passt das ins Narrativ vom biologisch bösen Buben? Oder lassen wir das lieber unerwähnt, weil Antworten darauf verunsichern könnten?
War Ilse Koch ein Mann?
Natürlich haben wir es bei dieser Form der Debatte mit einer Kulturkampfkampagne zu tun. Die Gesellschaften des Westens führen seit geraumer Zeit einen regelrechten Bürgerkrieg gegen die Geister der Vergangenheit – gegen das, was sie für Geister halten und die nach ihrem Dafürhalten die Welt zu einer Hölle haben werden lassen: Konservatismus, Kirche und Kerle – um es in aller Knappheit zusammenzufassen. Ein Wahrheitskomplex hat sich formiert, wie Norbert Häring dieses Konglomerat des Kulturkampfes nennt, das »ein größtenteils staatlich finanziertes, zentral gesteuertes und digital hochgerüstetes Netzwerk« darstellt. Dort führt man einen finanziell aufwändigen Kampf, den Albert Camus womöglich als »metaphysische Revolte« bezeichnet hätte – als den Aufstand des Menschen gegen die Prämissen seiner Existenz. Am Ende zeigt sich die Absurdität darin, dass man Gewissheiten nicht einfach abschaffen kann. Ganz egal, wie sehr man sich gegen die Welt und ihre Realitäten aufbäumt.
Der Mann, der sich die Welt untertan machte, Ressourcen ausbeutete, Völker dezimierte: Hat er das nur für sich getan – oder profitierten auch Frauen von diesen Raubzügen? Und wie sehr haben Frauen eigentlich den Nationalsozialismus begünstigt und ihre Gatten motiviert, sich im Regime nützlich zu machen? Nein, damit ist nicht gesagt, dass die SS-Schergen nur Getriebene ihrer Gattinnen waren, Pantoffelhelden mit Totenkopfemblem auf der Mütze – Unsinn! Aber auch Frauen spielten damals eine Rolle. Identifizierte sich Ilse Koch eigentlich als Mann? War Gertrud Scholtz-Klink vielleicht doch ein Kerl? Und gleichwohl: Wenn die Männer die Welt von früher wirklich nur alleine im Griff hatten, so haben sie doch auch Einrichtungen hinterlassen, von denen die Gesellschaft heute profitiert. Diese Monster und Vergewaltiger haben die Magna Charta erschaffen, Universitäten gegründet und den Sozialstaat entworfen!
Müßig ist es aufzurechnen. Müßig und kleinlich. Aber im Angesicht einer Mainstreamkultur, die offenbar gewillt ist, den hanebüchenen Unsinn von der Sippenhaftung des männlichen Geschlechts mehr oder weniger unkommentiert zu lassen, neigt man wohl zur Kleinlichkeit. Nötig ist sie jedoch nicht, denn alle Frauen sind ja nicht wie jene Frauen, die vorgeben für alle Frauen zu sprechen. Viele von ihnen verdrehen die Augen, wenn ihre Geschlechtsgenossinnen so tun, als würde sie in der Gesellschaft nur von männlichen KZ-Wärtern drangsaliert. Was bei einer solchen Sicht auf die Gesellschaft defekt ist, vermögen andere Instanzen sicherlich fachmännischer zu bewerten. Man muss aber kein Experte sein, um zu verstehen, dass da was aus dem Ruder gelaufen ist. Auch bei den Männern, die sich doch tatsächlich öffentlich zur Selbstverleugnung und Selbstzucht treiben lassen und die wie Schulbuben dastehen und ihre eigene biologische Fehlbarkeit entschuldigen. Eine Gesellschaft sollte sich nicht von Menschen hertreiben lassen, bei denen bestimmte Mechanismen versagen.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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