Unser Boykottbrauchtum

Nach 2018 und 2022 wird schon wieder in Deutschland über einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft gesprochen. Warum hat niemand die Europameisterschaft in Deutschland boykottiert? Muss denn jeder Lebensbereich hochpolitisiert werden?

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Diego Armando Maradona
Dani Yako, Public domain, via Wikimedia Commons

Deutschland ist ein Land, in dem Traditionen und Brauchtum immer mehr schwinden – und noch nicht mal mehr als lebenswert betrachtet werden. So wird Weihnachten etwa als Fest begangen, bei dem es um den Austausch von Konsumgütern geht und das seinen ursprünglichen Sinn längst ausgeblendet hat. Vereine beklagen Mitgliederschwund, gekocht wird vegan – und damit Omas traditioneller Braten der Vergessenheit anheimgestellt – und was ein Maibaum ist, wissen auch immer weniger Menschen. Allerdings könnte man nun nicht behaupten, dass Deutschland nicht darum bemüht ist, sich neues Brauchtum anzuschaffen.

Nehmen wir nur mal – ich thematisierte es bereits in aller Kürze – den mittlerweile bewährten Brauch, es um die Silvesterfeiertage knallen zu lassen. Nicht falsch verstehen, damit ist nicht das Böllern gemeint, sondern das Gewese um ein etwaiges Böllerverbot. Jedes Jahr schwappt es wieder hoch. Aus dem einst zwanghaften Empörungsknallfrosch entwickelte sich ein feiner Brauch zum Jahreswechsel. Ähnliches im Sommer, wenn Sonnenlaune, Stau und Sommerloch sich vereinen, um die gute alte deutsche Tradition nach einem Tempolimit zu fordern. Das kann durchaus sinnvoll sein, wird aber so ritualisiert eingefordert, dass man wirklich festhalten kann: Die Forderung nach dem Tempolimit ist zum Weihnachten des PS-armen Sonntagsfahrers aufgestiegen. Noch ein neuer Brauch scheint sich gerade eben zu etablieren: der WM-Boykottismus. Dabei schlagen sich die Flagellanten hocherregt auf die Brust und äußern ihre Empörung in Richtung WM-Gastgeber und Weltfußballverband – verbunden wird diese Hampelei mit dem Ausruf nach Fernbleiben.

2018, 2022 und 2026

Wir wissen freilich, dass all die alten Bräuche und Traditionen igitt sind. Es waren die Hochämter der Altvorderen, unserer Väter und Großväter, quasi faschistische Ereignisse von alten weißen Männern – und hin und wieder auch Frauen –, denen der Anhänger der neuen deutschen zivilgesellschaftlichen Sekte, querfinanziert durch staatliche Fonds und Zwangsbeiträge, etwas weniger Vorbelastendes entgegensetzen möchte. Was bietet sich dabei besser an, als sich die Parolen der »Zivilgesellschaft« anzueignen und sie auszurufen, wann immer es der Brauch vorsieht? In diesem Jahr fällt die Forderung des WM-Boykottes etwas früher aus, als es noch im Jahr 2022 der Fall war. Damals feierte man Boykottismus kurz vor Turnierstart. Heuer fällt das Fest günstiger – der Zeitpunkt, so besagen Gerüchte, wird von der heimlich tagenden Ministerpräsidentenkonferenz im Kölner Keller festgelegt.

Nun also die Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Mexiko – Beginn: 11. Juni 2026. Um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird im Aztekenstadion in Mexiko City angepfiffen: Mexiko trifft an jenem Abend auf Südafrika. Letzteres war 2010 Gastgeber, damals gab es diese Tradition des Boykottismus noch nicht. Stattdessen zelebrierte man 2010 und 2014 die Vorgängerempörung: Man monierte, dass die Gastgeber – eben Südafrika und später dann Brasilien – gar nicht in der Lage wären, ein solches internationales Turnier umzusetzen. Daher gab es in Deutschland immer wieder Stimmen, die dem Weltfußballverband in purer Selbstlosigkeit anboten, in höchster Not einzuspringen und das Turnier auf deutschem Boden auszutragen. Denn 2006 war noch in aller Erinnerung, die Welt zu Gast bei Freunden, Deutschland als Gastgeber – was für ein Sommermärchen. Und so kam es, dass diese Weltmeisterschaft 2006 die letzte war, die man in Deutschland als berechtigtes WM-Turnier betrachtet. 2010 und 2014 sorgte man sich um die Unfähigkeit der Gastgeber – wobei auch 2014 schon dezent auf die Arbeitsbedingungen verwiesen wurden, die ethisch nicht vertretbar seien. Ab 2018 hatte man diese Haltung dann kultiviert und setzte auf ein Ritual, das einen Boykott forderte. Damals fand die WM in Russland statt – sollte man da nicht daheimbleiben? Dann folgte 2022 Katar: stay home? Und nun das Turnier in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko. Dort kann man vielleicht nicht mal mit Armbinde um den nackten Ministerinnenoberarm auftreten, ohne dass man von einem Delegierten der US-Regierung gerügt wird.

Das Politisieren der Kicker im DFB-Dress ist übrigens noch so ein neuer Brauch – er ist freilich ausbaufähig und wird sicher noch eine Fortsetzung finden. Aber zurück zur anstehenden Weltmeisterschaft. Nach Trumps jüngster Außenpolitik scheint der Boykott-Aufruf nun opportun – sogar Nikolaus Blome fordert ihn, vor vier Jahren sprach er sich für einen Boykott des Turniers in Katar noch nicht aus. Im Gegenteil, man sollte dringend teilnehmen. Nun hat er sich besonnen. So ein Fernbleiben wäre nebenher auch eine schallende Ohrfeige für die anderen beiden Gastgeber: Kanada und Mexiko. Das ist schon einigermaßen witzig. Da kritisiert man die Allüren der Vereinigten Staaten, deren Drang, der Welt ihr Wesen und ihre Regeln aufzudrängen – und dann findet eine Weltmeisterschaft dreier Gastgeber statt und man tut so, als sei dieses Turnier eine rein US-amerikanische Angelegenheit. Kollateralschaden nennt man es wohl, wenn jemand zu Schaden kommt, der mit der Sache nichts zu tun hat. Aber Brauchtum ist Brauchtum …

Wem nützt ein Boykott?

»Ablasshandel auf Kreisliganiveau«: So nannte der schon eben erwähnte Blome das muntere Boykottierenwollen kurz bevor die Nationalmannschaft nach Katar aufbrach. Und: »Die Moralsucht wird zunehmend zur Seuche«. Dann bittet er in seiner Spiegel-Kolumne darum, Katar von der Moralinseuche auszuschließen – es sei ohnehin viel zu spät, jetzt noch einen auf moralisch zu machen. Man habe über Jahre gewusst, dass das Turnier in der Wüste stattfinden solle. Auch von Arbeitssklaven war bereits Jahre zuvor die Rede. Doch man thematisierte einen Rückzug kaum. Wochen vor der Abreise falle es den Politaktivisten der damaligen neuen Regierung dann aber ein, die ganze Veranstaltung ethisch zu betrachten und einen eventuellen Boykott in den Raum zu stellen. Offenbar hält er den Zeitpunkt jetzt, Trump zu boykottieren und mit ihm gleichsam Mexiko und Kanada zu brüskieren, für geeigneter.

Blomes damalige Kolumne fokussierte sich kaum auf den Nutzen von Boykotts. Gibt es den überhaupt? Es ist etwas anderes, wenn man Waren boykottiert und damit wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Dann ist der Boykott nicht Ausdruck einer Moralseuche, sondern erzielt materielle Auswirkungen – aber bei einer Weltmeisterschaft nicht teilzunehmen: Wem hilft das? Sicher, hier und da werden Sponsorenzahlungen ausfallen. Aber dennoch bewegt man sich im Rahmen der Symbolpolitik. Den einzigen Mehrwert ziehen jene daraus, die sich ganz besonders überlegen in Fragen der Moral wähnen. Sie zahlen auf ihr moralisches Konto ein und dürfen sich dafür hochleben lassen, mal wieder auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Und Trump? Wird er weinen – oder wird ihn das dazu bringen, den Europäern mit mehr Hochachtung zu begegnen? Glauben die Boykotteure, der Mann aus dem Oval Office leistet dann Abbitte? Am Ende fragt noch nicht mal mehr jemand nach den Daheimgebliebenen, sondern alle Welt spricht von dem Turnier, den Toren und Sensationen und den Mannschaften, die auf das Finale zustreben. Eine Weltmeisterschaft braucht keine Stars – sie macht die Stars. Und wer nicht kam, hat eben nicht stattgefunden. Wer spricht denn heute noch von denen, die 1976 nicht nach Los Angeles und 1980 nicht nach Moskau zu den Olympischen Sommerspielen fuhren? Darüber liest man bestenfalls in Fußnoten. Woran man sich stattdessen erinnert: An die DDR-Fußballer, die Gold gewannen. Oder aber man denkt an Alexander Ditjatin, den russischen Kunstturner, der 1980 acht Medaillen gewann – der Rekord hatte bis 2008 Bestand.

Statt mit dem, was man für das Andere, das Böse und Teuflische hält, zu leben, es auszuhalten und als Teil dieser fehleranfälligen Welt zu werten, üben sich die Boykotteure lieber in Flucht. Sie wollen möglichst viel Abstand zwischen ihrer blütenweißen Weste und dem Schlachterkittel bringen. All das kann man machen – aber bitte, seid so gut, verwechselt das nicht mit Widerstand oder auch nur mit Politik. Ein solcher Boykott dient ausschließlich der Regulierung des eigenen Moralinhaushaltes. Man tut es für sich – den Menschen, die im boykottierten Gastgeberland leben, mit denen man angeblich fühlt und fiebert, haben von einer solchen Aktion nichts.

Boykott ist einfach: Einfach mal abschalten!

Außerdem stellt sich die Frage, ob es so ratsam ist, Turniere dieser Art als politischen Striptease zu missbrauchen. Die Grundidee des Sports als Völkerverständigung ist – zugegeben – ein alter Hut, eine recht unglaubwürdige Ausflucht. Aber haben jene Menschen, die Freude an so einem Spektakel haben, nicht auch das Recht, nicht mit Politika zugekleistert zu werden, wenn sie nur ein Fußballspiel sehen wollen? Wie die Nationalmannschaft in Katar instrumentalisiert wurde – einige Rädelsführer innerhalb des Teams haben die Politisierung angetrieben –, war in so grandioser Form peinlich: Muss das am Ende wieder so kommen. Dazu kam, dass man sportlich in der Vorrunde ausschied. Vor der Welt den moralischen Oberlehrer spielen und dann fußballerisch scheitern: Beschämend! Die beste Moral liegt auf dem Platz – das hat Sepp Herberger nie gesagt, es klingt aber so, als hätte er es kundtun können.

Dabei ist ein Boykott so einfach, man benötigt nichts und niemanden. Schon gar keine Initiative aus der Politik. Wem die ganze Veranstaltung in Übersee nicht passt, kann im nächsten Sommer ja an den See gehen, mit dem Fahrrad durch die Walachei stromern und irgendwo Picknick machen: Da dürfte man recht einsam sein, weit weg vom Endgerät – lassen Sie also Ihr Handy daheim! – und der Übertragung auf Public-Viewing-Areas. Sicherlich wird das keine große Mehrheit sein, die meisten schalten doch ein und wollen wissen, ob es ins Elfmeterschießen geht. So gut kennen sich die Boykott-Aficionados freilich auch selbst. Sie wissen von ihrer Schwäche. Daher schreien sie nach einem starken vaterländischen Vorgehen, einem verordneten Boykott – denn dann sind sie von ihrer Neugier erlöst. Sie wären damals ja auch in die Eisdiele gegangen, als dort der Tod im Schirmchen lauerte. Nur der Lockdown konnte sie zurückhalten – daher verteidigten sie ihn so vehement. Er half ihnen, nicht schwach zu werden. Der moderne Bürger dieses Landes, so er ein braver Bürger ist, braucht einfach klare Ansagen und abgesteckte Grenzen.

Vor zwei Jahren war die Europameisterschaft in Deutschland. In einem Land, in dem immer noch Prozesse gegen Corona-»Kriminelle« geführt werden. In der die Polizei morgens zur Durchsuchung kommt, weil jemand einen Minister als etwas bezeichnete, was alle ohnehin wissen, sich aber nicht zu sagen trauen. In dem große Angst vor freier Meinungsäußerung herrscht und zunehmend Strukturen etabliert werden, die wie eine Mischung aus Staatssicherheit und Staatspolizei wirken. Meldeportale erfassen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze – und die Bürger der Mittelschicht darben immer mehr und mehr. Warum boykottierten die Deutschen nicht ihre eigene Europameisterschaft? Die Grundlagen waren doch gegeben. Aber der Brauch will es, dass es immer die anderen sind, die man boykottieren will.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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