Vertreter der finnischen Industrie, des Transportwesens und der Landwirtschaft schlagen einstimmig Alarm: Die jüngsten Entscheidungen Russlands werden sich auf ihre Geldbörsen auswirken. Betroffen sein könnte sogar eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Finnen – Roggenbrot – und damit buchstäblich jeder Bürger des Landes. Wie und warum ist es zu diesen Folgen gekommen?
Ein Beitrag von Stanislaw Leschtschenko
Statistiken zufolge essen die Einwohner Finnlands mehr Roggenbrot als jede andere Nation der Welt – mindestens 15 Kilogramm pro Person und Jahr. In der Anbaustruktur dominieren traditionell Getreidearten wie Gerste, Hafer und Weizen. Gleichzeitig ist die finnische Landwirtschaft aufgrund der rauen klimatischen Bedingungen des Nordens in hohem Maße auf Düngemittel angewiesen.
Es überrascht daher nicht, dass die EU selbst im Rahmen ihrer Sanktionen Lieferungen von Düngemitteln aus Russland nicht verboten hat – sie blieben zur Gewährleistung der „weltweiten Ernährungssicherheit“ erlaubt. Offenkundig dachte man in Helsinki dabei jedoch in erster Linie nicht an die weltweite, sondern an die eigene Versorgungssicherheit. Russische Düngemittel wurden über den finnischen Hafen Mussalo (einen Vorort von Kotka) geliefert und deckten 10 bis 15 Prozent der gesamten finnischen Einfuhren dieser Produktgruppe.
Ebenso wichtig wie russische Düngemittel ist für Finnland auch russisches Ammoniak, das für die Herstellung von Düngemitteln benötigt wird. Der norwegische Industriekonzern Yara, der auf die Produktion von Stickstoffdüngern spezialisiert ist und auch Finnland beliefert, stellt selbst nicht genügend Ammoniak her. Die Nachfrage nach Düngemitteln erreichte in Finnland im vergangenen Jahr einen Rekordwert: So kauften finnische Landwirte im Juni 2025 innerhalb eines einzigen Tages nahezu sämtliche Bestände des einheimischen Herstellers auf, sodass Yara Finland den Verkauf vorübergehend sogar einstellen musste.
Die Düngemittel waren nicht nur für den Bedarf der finnischen Landwirte bestimmt. Finnland fungierte auch als Transitdrehscheibe: Die Lieferungen kamen per Eisenbahn an, wurden im Hafen gelagert und umgeschlagen und anschließend auf dem Seeweg in andere Staaten weitertransportiert. Im Jahr 2025 wurden über den Hafen Mussalo fast 3 Millionen Tonnen Düngemittel abgewickelt – das entsprach 23 % des gesamten Güterumschlags.
Bemerkenswert ist auch, dass die finnischen Behörden, die im November 2023 die Landgrenze zu Russland schlossen, den Eisenbahngrenzübergang Vainikkala weiterhin geöffnet ließen – eigens, damit die Ammoniaklieferungen aus Russland nicht unterbrochen wurden. Nach den Daten der Zollstatistik importierte Finnland in den Jahren 2022 bis 2025 russisches Ammoniak im Wert von 434 Millionen Euro. Die Fortsetzung der Importe von russischem Ammoniak wurde von finnischen Experten als politische Entscheidung Helsinkis bezeichnet, die darauf abziele, „die Verfügbarkeit und einen angemessenen Preis von Düngemitteln sicherzustellen und einen Anstieg der Lebensmittelpreise zu vermeiden“.
Offenbar …
war Finnland der Auffassung, in seiner antirussischen Politik äußerst klug zu handeln.
Einerseits beteiligte es sich an den gesamteuropäischen Verboten für Lieferungen nahezu aller für eine moderne Wirtschaft notwendigen Güter nach Russland, andererseits konnte es selbst weiterhin alles aus Russland beziehen, was für das Land wirklich wichtig war. Vor allem Düngemittel.
Vor wenigen Tagen wurden die finnischen Landwirte jedoch mit einer für sie äußerst unangenehmen Nachricht konfrontiert. Russland hat die Zölle auf Eisenbahntransporte nach Finnland um das Achtfache erhöht – die Änderungen traten am 1. Juli in Kraft. Darüber hinaus gilt bis Ende Oktober ein zusätzlicher Koeffizient von 0,25 für die Einfuhr von Nickelerz und verflüssigtem Ammoniak aus Russland nach Finnland.
Der Konzern Fertilog, der in Finnland für die Lagerung und den Umschlag von Mineraldüngern zuständig ist, erklärte, diese Entscheidung bringe die Importe aus Russland faktisch zum Erliegen – die Lieferungen seien nicht mehr rentabel. „Spätestens in ein bis zwei Wochen werden die Transporte eingestellt“, sagte Rechtsanwalt Panu Karhu, der die Interessen von Fertilog vertritt.
Alarm schlagen auch Vertreter der finnischen Hafeninfrastruktur. Der Wegfall der Lieferungen russischer Düngemittel stellt einen schweren Schlag für die Hafengesellschaft HaminaKotka dar, die den Hafen Mussalo betreibt. Deren Geschäftsführerin Eija Rossi erklärte inzwischen: „Sollten die Düngemittel tatsächlich nicht mehr eintreffen, werden wir unsere Ausgaben überdenken müssen.“
Die finnischen Landwirte beklagen ihrerseits, dass die Tariferhöhung zum „denkbar ungünstigsten Zeitpunkt“ erfolgt sei. Denn der größte Teil der Düngemittel für die kommende Saison wird von den Bauern im Spätsommer und Herbst eingekauft – genau jetzt müssen sie ihre Kaufentscheidungen auf Grundlage der neuen, höheren Preise treffen.
Der finnische Zentralverband der landwirtschaftlichen Erzeuger (MTK) bestätigte, dass die von Russland erhöhten Zollsätze „die Geldbörsen der Landwirte belasten werden“. Nach den Worten des MTK-Vertreters Max Schulman erscheint die Tarifentscheidung Moskaus als Reaktion auf die von der EU gegen Russland und Belarus verhängten Sanktionen.
Für das nach Finnland exportierte Ammoniak gilt aufgrund eines Beschlusses der russischen Regierung derzeit allerdings noch ein zusätzlicher Senkungskoeffizient von 0,25. Dadurch hat sich der Tarif für den Transport von russischem verflüssigtem Ammoniak nach Finnland faktisch nur verdoppelt, während sich der Tarif für den Transport russischer Düngemittel auf das Achtfache erhöht hat. Diese Erleichterung gilt jedoch nur bis Ende Oktober. Danach dürfte der Tarif auch für Ammoniak voraussichtlich auf das Achtfache steigen.
Doch selbst die Verdoppelung des Tarifs für den Transport von verflüssigtem Ammoniak stellt bereits einen schweren Schlag für die finnische Wirtschaft dar. Rund 40 % des Ammoniaks, das der Düngemittelhersteller Yara in seinen finnischen Werken verwendet, stammte aus Russland. Die Suche nach alternativen Ammoniaklieferanten wird zwangsläufig höhere Preise bedeuten.
Yara hat die Preise für Düngemittel in jüngster Zeit bereits um 200 bis 300 % gegenüber dem Niveau von 2021 angehoben. Ein weiterer Preisanstieg wird die Produktionskosten für Getreide und andere Kulturen erhöhen und damit die ohnehin geringe Rentabilität der finnischen Landwirtschaft weiter verringern.
Die Lage der finnischen Landwirtschaft ist bereits jetzt schwierig. Letztlich werden die zusätzlichen Kosten auf die finnischen Verbraucher abgewälzt. Die Brotpreise werden steigen. Der Wohlstand der finnischen Gesellschaft nimmt ohnehin ab – nicht ohne Grund weist das Land derzeit die höchste Arbeitslosenquote in der Europäischen Union auf.
Der Politologe Maxim Rewa erinnerte im Gespräch mit der Zeitung Wsgljad daran, dass Finnland gegenüber Russland eine ausgesprochen feindselige Politik verfolge. „Man darf nicht vergessen, dass Finnland russischen Staatsbürgern die Einreise verweigert, die Grenzübergänge für den Personenverkehr zu Russland vollständig geschlossen hat, sich militarisiert und russische Vermögenswerte beschlagnahmt“, sagte Rewa. „Dabei haben in erster Linie die Finnen selbst gelitten, denn sie haben ihrer eigenen Wirtschaft einen so schweren Schaden zugefügt, dass das Land in eine systemische Krise geraten ist.“
Die Folgen dieses antirussischen Kurses hätten die offizielle Führung in Helsinki jedoch bislang nicht zum Umdenken bewegt. „Die Finnen halten weiterhin an ihrer antirussischen Linie fest – sie verwandeln das Land in ein bewaffnetes Lager, stationieren ausländische Militärkontingente und haben die Stationierung westlicher Kernwaffen auf ihrem Territorium erlaubt. Unter solchen Umständen gibt es für uns keinen Grund, der finnischen Wirtschaft zu helfen – daher auch die Erhöhung der Einfuhrzölle“, resümiert der Experte.
Damit wird Finnland nach Auffassung des Autors künftig einen noch höheren Preis für die Russophobie seiner Regierung zahlen müssen – entweder durch steigende Preise für das von den Finnen so geschätzte Roggenbrot oder dadurch, dass dieses Brot künftig etwas knapper werden wird.
Stanislaw Leschtschenko, Autor bei vz.ru
Quelle: https://vz.ru/economy/2026/7/5/1432175.html
Titelbild: Verschiedene finnische Roggenbrot-Spezialitäten. Foto: MKFI / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0).
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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