Am 21. März referierte Arnold Schölzel im Parteivorstand der DKP über die Entwicklungen auf dem Gebiet der DDR seit der Konterrevolution. Wir dokumentieren im Folgenden einen Auszug in redaktioneller Bearbeitung.
Ein Beitrag von Arnold Schölzel

Unerzählter Kahlschlag: Im August 1990 erzwingen die Kali-Kumpel im Südharz von der CDU-geführten letzten DDR-Regierung Rede und Antwort. Abhilfe schafft auch der spätere Hungerstreik nicht: Das Kali-Kombinant wird von der Treuhand an die Westkonkurrenz verscherbelt, das Revier wird abgewickelt. Bis heute hat sich die Region davon nicht erholt. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0805-023 / Hirschberger, Ralph / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 / Bearb.: UZ)
Bei der Beschäftigung mit dem Thema Ostdeutschland ist es aus meiner Sicht notwendig, sich zunächst über den Gegenstand klar zu werden, um den es dabei geht. Was ist also Ostdeutschland und was sind seine Besonderheiten? „Gibt es Ostdeutschland überhaupt?“, fragte im vergangenen Jahr eine Publikation der Humanistischen Union. Meine Antwort lautet: „Ja!“ Die Bundesregierung sagt uns dagegen seit ihrem ersten Jahresbericht zur Deutschen Einheit 1994 gemeinsam mit der bürgerlichen Propaganda: Ost und West wachsen zusammen. Ostdeutschland verschwindet demnach. In den Koalitionsverhandlungen 2025 verlangten CDU und CSU bereits, das Amt des Ostbeauftragten der Bundesregierung abzuschaffen. Die SPD wollte es beibehalten. Ostbeauftragte wurde schließlich die SPD-Abgeordnete Elisabeth Kaiser aus Gera in Thüringen. Sie sitzt aber nicht mehr im Bundeskanzleramt wie in der vergangenen Legislaturperiode der damalige Amtsinhaber Carsten Schneider (SPD), sondern im Bundesfinanzministerium.
Besonderheiten Ost
Warum bleibe ich beim „Ja!“, beim Besonderen Ostdeutschlands? Meine Überlegung ist: Es genügt schon, sich die Bevölkerungsstatistik anzusehen, um das zu erklären. Elementare Tatsachen für Ostdeutschland sind in Bezug darauf weithin unbekannt und werden in öffentlichen Debatten kaum erwähnt. Dazu gehört die Antwort auf die Frage, wie viele Menschen heute in Ostdeutschland überhaupt leben und welche Klassenstruktur die Gesellschaft dort hat. Dabei sind die Zahlen dazu aussagekräftig: 1949 lebten auf dem Territorium der DDR etwa 18,8 Millionen Menschen, 1989 waren es laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (siehe die Publikation des Instituts „30 Jahre Deutsche Einheit & Vielfalt“) noch 16,7 Millionen. Davon entfielen auf die Hauptstadt der DDR rund 1,3 Millionen Menschen, Westberlin hatte 2,1 Millionen Einwohner. Heute leben in Ostdeutschland ohne Berlin rund 12,5 Millionen Menschen, mit Ostberlin um die 14 Millionen Menschen – das heißt mehr als 2,5 Millionen Menschen weniger als 1989. Das entspricht ungefähr dem Stand von 1905 in dieser Region, wobei anzumerken ist: Von 1850 bis 1920 wuchs diese im Vergleich zum Norden, zum Westen und zu einem damals schrumpfenden Süden in den heutigen deutschen Grenzen am stärksten und war die bevölkerungsreichste. Noch größere Bevölkerungsverluste als in den 35 Jahren seit 1990 in Ostdeutschland gab es zuvor nur im Dreißigjährigen Krieg. Damals ging die deutsche Gesamtbevölkerung von etwa 16,5 Millionen Menschen 1618 auf 10,5 Millionen 1648 zurück (siehe Diercke-Weltatlas).
Das Paradoxe: Ostberlin wächst übrigens gegenwärtig im Gegensatz zu Westberlin. Da keine getrennte Statistik für Ost- und Westberlin geführt wird, kann nur gesagt werden: Der Anstieg der Bevölkerung Berlins von 3,4 Millionen Einwohnern 1990 auf heute mehr als 3,9 Millionen ist zum größten Teil auf den Zuzug in östliche Stadtbezirke, insbesondere in die großen Neubaugebiete der DDR, zurückzuführen. Dort finden sich noch für Durchschnittsverdiener bezahlbare Wohnungen, zumal die dortige soziale Infrastruktur, die in DDR-Neubaugebieten stets errichtet wurde, zum großen Teil noch einigermaßen funktioniert. Wie das in den großen Neubaugebieten anderer DDR-Großstädte ist – Rostock, Schwerin, Potsdam, Leipzig, Dresden, Gera, Erfurt, Halle-Neustadt –, kann ich nicht eindeutig sagen. Soweit ich sie in den letzten Jahren besucht habe, gilt für sie aber nach meinem Eindruck wohl dasselbe.
Schockstrategie
Wichtig ist zu wissen: Dem ersten Schock der Massenarbeitslosigkeit nach Konterrevolution und Anschluss der DDR folgte ein zweiter, ausgelöst von Abwanderung und Verschwinden von Millionen Menschen. Die objektiven Tatsachen dazu werden wohlweislich verborgen. Die Entindustrialisierung zerfetzte jedenfalls die zahlenmäßig starke Arbeiterklasse der DDR von etwa vier Millionen Menschen und ihre Organisationsfähigkeit in den Betrieben. Das war eine gern in Kauf genommene und bald nach Beginn der Treuhandtätigkeit mit Vorsatz verfolgte Auswirkung der Zerschlagung aller DDR-Großbetriebe. Ein Musterfall war der Umgang von K+S Kassel mit den Kalikumpeln von Bischofferode. Sie wehrten sich spektakulär, standen aber für wahrscheinlich Tausende ähnlicher Vorgänge.
Die DDR-Kombinate sollten auf keinen Fall weiter existieren – gerade wenn sie sich schon vor 1989 auf dem Weltmarkt behauptet hatten, wie zum Beispiel das Kombinat Elektromaschinenbau Dresden mit seinem weltweit bekannten Markenzeichen VEM oder das Schwermaschinenbaukombinat Takraf Leipzig, dessen Hafenkräne noch heute in Häfen rund um den Pazifik und sonst wo auf der Welt arbeiten. DDR-Erfolge wurden als erste beseitigt. Die so ökonomisch erzwungene Abwanderung – also Migration – zerriss Familien, weil vor allem Kinder und Enkel nun woanders leben und arbeiten.
Von der westdeutsch beherrschten medialen und politischen Öffentlichkeit wurde das nur selten wahrgenommen, im Grunde nur von Demografen und Wirtschaftswissenschaftlern. Deren Zahlen besagen aber auch: Die Bevölkerung der DDR gibt es der Quantität nach nur noch in Fragmenten.
Braindrain Ost
Hinter den Bestandszahlen verbirgt sich aber eine Dynamik – eine Bevölkerungswanderung, wie es sie sonst nur in und nach Kriegen gibt. Ein Beispiel: 2019 bezifferte das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle an der Saale (IWH) die Abwanderung aus DDR und Ostdeutschland zwischen 1989 und 2015 auf 5,2 Millionen Menschen. Im gleichen Zeitraum sind demnach 3,3 Millionen Menschen von West nach Ost gezogen. Abgesehen davon, dass die bloße Zahl von 5,2 Millionen Abwanderern oft bestritten wird, bemühen sich die Statistiker um den Nachweis, dass es seit 2015 eine „normale“ Zu- und Abwanderung von West nach Ost und umgekehrt gegeben hat und gibt. Aber auch hinter diesen Quantitäten verbergen sich qualitative Merkmale, die Gegenwart und Zukunft Ostdeutschlands prägen. So wanderten vor allem junge, hoch qualifizierte Menschen ab. Wobei zu erwähnen ist: Die DDR-Bevölkerung war 1989 wesentlich jünger als die westdeutsche. Die Abgewanderten gehörten zum größten Teil der Arbeiterklasse an. Zum überwiegenden Teil waren es junge Frauen, während vor allem auf dem Land in Ostdeutschland junge Männer, die oft keine Schul- und Berufsabschlüsse hatten, zurückblieben. Dieses Phänomen verstärkte noch einmal das Schrumpfen der Bevölkerung. Unmittelbar nach dem Anschluss waren die Geburtenzahlen in Ostdeutschland bereits auf historische Tiefststände gefallen. Insgesamt gab es durch die Abwanderung einen Braindrain, der nur mit dem aus ehemaligen Kolonien in die Kolonialstaaten zu vergleichen ist.
Das komplette Referat „Von der DDR lernen, Kriege verhindern“ sowie weitere Referate und Beschlüsse der 5. Tagung des DKP-Parteivorstandes gibt es im „DKP-intern“ im Mitgliederbereich von dkp.de.
Quelle: UZ Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei. https://www.unsere-zeit.de/wie-im-kolonialstaat-4813409/
Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.
BERLIN24/7 Nachrichten aus Berlin – ist ein unabhängiges Nachrichten- und Informationsportal Im Zentrum unserer Berichterstattung stehen Nachrichten, Meinungsbeiträge, Analysen und Interviews zum aktuellen Zeitgeschehen in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt. Wer sich für differenzierte Sichtweisen aus verschiedenen Perspektiven interessiert ist bei uns richtig. Um nichts zu verpassten abonnieren Sie unseren Kanal und/oder folgen Sie uns auf:
Offizielle Webseite: https://berlin247.net Facebook: https://www.facebook.com/profile.php?id=61556336081860 Telegram: https://t.me/Berlin247nachrichten Auf X – https://x.com/berlin24_7?t=u9fTHoOcZQkCZPewM2Q62g&s=09
Hier können Sie unsere Arbeit unterstützen:
Paypal: https://paypal.me/berlin247net oder Berlin 24/7 GmbH DE22 8105 0555 0101 0400 24





