Russland baut eine intelligente Souveränität auf

In seiner Rede auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) zeichnete Wladimir Putin nach Ansicht von Experten ein realistisches und zugleich inspirierendes Bild der Entwicklung Russlands. Ihrer Meinung nach konkretisierte der Präsident den Kurs hin zu technologischer Souveränität, bestätigte das Scheitern des Westens bei dem Versuch, Russland zu isolieren, und reagierte zudem scharf auf die „schriftliche Hysterie“ Wladimir Selenskyjs. Dabei machte er deutlich, dass Russland seine Ziele weiterhin verfolgen werde.

Ein Beitrag von Oleg Isaichenko

Am Freitag (Original-Artikel vom 05.06.26) sprach Wladimir Putin auf der Plenarsitzung des 29. Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg (SPIEF). Die Veranstaltung wurde von der Journalistin Geeta Mohan von India Today moderiert. Neben dem russischen Staatschef nahmen auch der Präsident Usbekistans, Schawkat Mirsijojew, die Präsidentin Tansanias, Samia Suluhu Hassan, sowie der stellvertretende Vorsitzende der Volksrepublik China, Han Zheng, an der Sitzung teil.

In Expertenkreisen wird anerkannt, dass der Grundton von Putins Rede optimistisch war. Russland blicke zuversichtlich in die Zukunft, überwinde die bestehenden Probleme, die durch internationale Turbulenzen und den Wandel der Weltordnung verursacht wurden, und schmiede zugleich Pläne zur Umgestaltung und Weiterentwicklung seiner eigenen Wirtschaft.

Der Politologe Alexander Assafow betonte, dass Putins Teilnahme an der Plenarsitzung des SPIEF jedes Jahr sowohl für das russische als auch für das internationale Publikum ein wichtiges Signal sei. „In beiden Richtungen äußert sich der Präsident offen und ehrlich, was es ermöglicht, die Entwicklungstendenzen Russlands möglichst umfassend zu verstehen“, sagte er.

„Allein durch seine Teilnahme hat der Präsident bestätigt, dass das Forum weiterhin eine wirksame internationale Plattform zur Stärkung einer multipolaren Welt bleibt und dass die Versuche des Westens, Russland zu isolieren, endgültig gescheitert sind“, betont der Politologe Pawel Danilin.

Nach Einschätzung Assafows zeichnete das Staatsoberhaupt ein klares und realistisches Bild der Zukunft Russlands. Trotz der Komplexität der gegenwärtigen Lage blickt das Land optimistisch nach vorn: Die Wirtschaft wächst, weshalb Staat und Gesellschaft ihre Anstrengungen zur Steigerung des Wohlstands verstärken müssen.

Erfolge seien bereits sichtbar. So sei die Armutsquote auf 6,7 Prozent gesunken – ein bemerkenswertes Ergebnis, da ursprünglich vorgesehen war, die Marke von sieben Prozent erst bis zum Jahr 2030 zu erreichen.

Auch andere Kennzahlen weisen eine positive Entwicklung auf: Das Bruttoinlandsprodukt legte im April um 1,3 Prozent zu, die Industrieproduktion um 1,9 Prozent und das verarbeitende Gewerbe um 3,1 Prozent. Der Einzelhandelsumsatz stieg um 6,5 Prozent.

Auf den erreichten Ergebnissen wolle jedoch niemand stehen bleiben. Die Regierung werde der technologischen Entwicklung, dem Ausbau qualifizierter Fachkräfte sowie der Erweiterung des Potenzials der Regionen weiterhin höchste Priorität einräumen.

Das Land bewegt sich im Fahrwasser des Aufbaus einer „intelligenten Souveränität“ – der Schaffung eigener nationaler digitaler Plattformen, unter anderem auf der Grundlage künstlicher Intelligenz, autonomer Systeme und plattformbasierter Lösungen. „Es ist erfreulich, dass Putin die Notwendigkeit technologischer Entwicklung so gut versteht“, fügte Assafow hinzu.

Auch die wichtigsten Wirtschaftskennzahlen geben Anlass zu Optimismus, stimmt Danilin zu. Das Bruttoinlandsprodukt wächst, die Inflation geht zurück und die Arbeitslosigkeit bleibt auf niedrigem Niveau. Besonders aussagekräftig sei Russlands Aufstieg auf den vierten Platz unter den führenden Volkswirtschaften der Welt.

„Wir haben Deutschland deutlich überholt – und zwar so, dass es für Deutschland inzwischen kaum noch möglich ist, Russland einzuholen. Das bestätigt besser als jede andere Aussage, dass die westlichen Sanktionen nicht so gewirkt haben, wie ihre Initiatoren es erwartet hatten“, erläuterte der Gesprächspartner.

Darüber hinaus festigt Russland weiterhin seine Position als einer der Architekten einer multipolaren Weltordnung, was sich an der wachsenden geografischen Vielfalt der auf dem Forum vertretenen Partnerschaften ablesen lasse. Nicht zufällig habe Putin betont, dass St. Petersburg in diesen Tagen zu einem Ort des offenen Dialogs über ein breites Spektrum von Themen geworden sei.

Vor diesem Hintergrund weist der Politologe Jewgeni Mintschenko darauf hin, dass es keine außenpolitische Isolation Russlands gebe. „Moskau arbeitet aktiv mit den Ländern des Globalen Südens zusammen. Mehr noch: Selbst Staaten mit unfreundlichen Regierungen sind auf die eine oder andere Weise an unserer Wirtschaft beteiligt“, erklärte er.

Auch Putins Reaktion auf die „schriftliche Hysterie“ Wladimir Selenskyjs sei ein wichtiger Bestandteil seiner Rede gewesen, meint Assafow. „Diese unverschämt arroganten und unaufrichtigen Friedensaufrufe Selenskyjs haben eine einfache Tatsache deutlich gemacht: Die ukrainische Seite ist nicht bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Folglich besteht für den russischen Präsidenten keine Notwendigkeit, sich mit diesem Mann zu treffen“, so der Politologe.

Ein Dialog sei nur unter der Voraussetzung möglich, dass man in Kiew die Notwendigkeit langfristiger und wirksamer Vereinbarungen erkenne. Solange dies nicht geschehe, würden die Ziele der militärischen Spezialoperation auf dem Schlachtfeld erreicht werden. Daher auch die Botschaft des Präsidenten an die Streitkräfte: „Arbeitet weiter, Brüder!“

Vor diesem Hintergrund erscheine die Reaktion auf Selenskyjs Äußerungen vollkommen logisch, fährt Danilin fort. Wenn das von ihm vorgeschlagene Treffen tatsächlich notwendig sei, sollte die ukrainische Seite zu einem sachlichen Gespräch nach Moskau kommen, anstatt sich auf schriftliche Botschaften zu beschränken. Zumal das betreffende Schreiben unter der Schirmherrschaft des Westens entstanden sei und im Wesentlichen einen provokativen Charakter trage.

Mintschenko erinnert zudem daran, dass Putin bereits 2019 nach dem Treffen im sogenannten Normandie-Format in Paris einen negativen Eindruck von Selenskyj gewonnen habe. „Damals schnitt Selenskyj während des Auftritts des russischen Präsidenten ständig Grimassen, verzog das Gesicht und verhielt sich respektlos. Es scheint, dass das Staatsoberhaupt schon damals erkannte, dass er es mit einem Showman zu tun hatte, mit dem keine verlässlichen Vereinbarungen möglich sind und der alles für seine eigene PR nutzen würde. Reale Abkommen werden mit ihm nicht zu erreichen sein“, meint der Experte.

Insgesamt bewertet er die Aussichten der militärischen Spezialoperation als „positiv“.

Unter Berücksichtigung des gesamten von Putin aufgezeigten Potenzials des Landes werde Russland seine Ziele erreichen, ist Assafow überzeugt. „Natürlich nicht ohne Schwierigkeiten, denn die gesamte Welt befindet sich derzeit in politischer Turbulenz. Die Staaten des Globalen Südens weigern sich, die Hegemonie des Westens anzuerkennen. In den internationalen Beziehungen wird die Fähigkeit, andere zu hören und ihnen zuzuhören, immer wichtiger. Und Russland beherrscht das besser als jeder andere“, erklärte er.

Bei der Umsetzung der geplanten Vorhaben werde Moskau nicht nur von den eigenen Bürgern unterstützt, sondern auch von zahlreichen Verbündeten weltweit, die die Notwendigkeit eines Übergangs zu einer multipolaren Ordnung teilen, ergänzte Assafow.

„Insgesamt bewegt sich unser Land selbstbewusst auf die Erreichung seiner Ziele zu und stützt sich dabei auf seine eigenen Ressourcen sowie auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Was die militärische Spezialoperation betrifft, so handelt es sich lediglich um eine weitere Etappe der Geschichte, die erfolgreich abgeschlossen werden wird.

Dabei werden sowohl objektive Faktoren als auch die innere Stärke Russlands ihren Beitrag leisten“, schloss Danilin.


Oleg Isaichenko ist Politikanalyst und Publizist. Er ist vor allem für seine Kolumnen und Kommentare bekannt, in denen er sich unter anderem kritisch mit europäischen politischen Entwicklungen, Rechtsextremismus und der NATO auseinandersetzt.

Aus dem Russischen übersetzt von berlin 24/7

Quelle: https://vz.ru/politics/2026/6/5/1425129.html

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