Ein Gespräch mit der russischen Pianistin Masha Dimitrieva über den harten Weg zum gefühlvollen Spiel, Systemwechsel und die Faszination von Live-Auftritten.
Ein Beitrag von Axel Klopprogge

„Für einen Künstler ist es sehr wichtig, jemanden zu haben, der zuhört.“
In meiner Kolumne Helden hatte ich am 16. April 2025 geschrieben:
In meiner Zeit als Personalchef des MAN-Konzerns hatte ich zur festlichen Weihnachtsfeier der Konzernzentrale die russische Pianistin Masha Dimitrieva eingeladen. Als ich vor der Veranstaltung in den Saal kam, waren die Tische festlich gedeckt, die ersten Gäste waren bereits da, aber statt des erwarteten Flügels stand dort ein abgewirtschaftetes Klavier wie bei Tante Helga zuhause. Der zuständigen Abteilung war es zu aufwendig erschienen, den im Hotel durchaus vorhandenen Flügel aus dem Erdgeschoss hinaufzubefördern. Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken, konnte aber nichts mehr ändern. Doch nun geschah das, weshalb ich die Episode hier erzähle: Die Pianistin im elegantesten Abendkleid ließ sich nichts anmerken. Sie spielte meisterhaft und mit ihrem würdevollen Auftreten verwandelte sie das schäbige Klavier in einen Steinway-Flügel. Natürlich habe ich mich nachher entschuldigt und sie gleich für das nächste Jahr eingeladen – diesmal mit einem richtigen Flügel. Sie nahm das Ganze sportlich und erzählte mir von der harten Ausbildung am Moskauer Konservatorium und davon, dass man dort oft genug mit eiskalten Fingern spielte, um jede Gelegenheit zum Üben zu nutzen.
Jetzt, über 20 Jahre später, konnte ich Masha Dimitrieva ausführlich interviewen.
Masha, Wenn du auf dein Leben zurückblickst – es beginnt …
… auf der Krim. Am 10. Januar 1966.
Wenn du nun auf dieses Leben schaust und ganz spontan die vier, fünf oder sechs wichtigsten Ereignisse oder Einschnitte in deinem Leben benennst – egal, ob positiv oder negativ, familiär oder politisch.
Das ist eine sehr interessante Frage und ein ungewöhnlicher Einstieg. Für mich hängen die Lebensabschnitte stark mit meiner Kindheit auf der Krim zusammen. Ein großer Einschnitt war sicher der Moment, als ich mit 15 Jahren aus der kleinen, sehr provinziellen Stadt Simferopol auf der Krim in die Millionenstadt Moskau ging.
Ich rechne gerade. 15 Jahre: Das müsste 1981 gewesen sein.
Ja, genau. Damals habe ich die Möglichkeit bekommen, am Moskauer Kolleg aufgenommen zu werden. Ich bin ganz allein dorthin gefahren, habe alle Aufnahmeprüfungen gemacht und wurde angenommen. Das war ein sehr großer Bruch. Meine Mutter hat mich dabei sehr unterstützt, aber unser gesamtes Umfeld fragte: Warum schickst du sie 2.000 Kilometer weg von der Krim? Sie ist noch so jung. Sie kann doch hier auf die Fachschule oder Musikhochschule gehen. Aber meine Mutter war sehr hartnäckig – und ich wollte einfach mehr. Ich wollte aus dieser provinziellen Stadt weg. Und es ist mir gelungen. Das war mein erster großer Einschnitt, auch geografisch. Moskau war für mich als junges Mädchen überwältigend – diese Masse an Eindrücken.
Das war noch zu Breschnew-Zeiten.
Ja, genau. Es war damals nicht so schlecht, wie man oft denkt. Die Menschen hatten ein monatliches Gehalt, konnten davon leben, es gab nicht diese extremen Unterschiede wie heute in Russland. Für mich war es trotzdem eine riesige Umstellung: Ich war bis dahin fast ausschließlich in der Familie meiner Mutter und meiner Großmutter aufgewachsen, praktisch nie außerhalb der Krim gewesen. Mein Vater war sehr früh verstorben – und plötzlich war ich allein, ein 15-jähriges Mädchen in einer Millionenstadt. Damals erschien mir alles grau: riesige Gebäude, alles fremd. Aber das Studentenleben war einmalig. Ich habe unglaublich viele Freunde gewonnen, wir waren ständig unterwegs: Theater, Kino, Festivals – alles, was kulturell möglich war. Moskau war und ist kulturell unglaublich lebendig. Das alltägliche Leben war nicht einfach. Als Studenten haben wir oft dreimal täglich Kartoffeln gegessen – gekocht, gebraten, irgendwie anders. Ab und zu Eis oder Milch. Aber wir waren jung, wir waren hungrig – nicht nach Essen, sondern nach Eindrücken. Und das hat gereicht. Das war also mein erster großer Umbruch.

Wie ging es weiter?
Nach dem Kolleg wurde ich am Tschaikowski-Konservatorium aufgenommen. Das war ein enormer Wettbewerb: Es gab 25 Klavierplätze und etwa 30 Bewerber pro Platz aus der gesamten Sowjetunion. Auch das habe ich geschafft und meine Ausbildung ohne Unterbrechung abgeschlossen. Ich habe von 1981 bis 1990 studiert, von 1985 bis 1990 am Konservatorium. Und dann kam der Putsch in Russland, zur Zeit Gorbatschows. Diese Zeit war sehr schwierig. Ich liebe Tschaikowskis Musik – aber ich hasse Schwanensee. Während des Putsches liefen im Fernsehen auf allen Programmen nur schwarze Bilder und rund um die Uhr Schwanensee. Niemand wusste, was passiert. Ich bereitete mich damals auf einen Wettbewerb in Bremen vor, mit einem sehr anspruchsvollen Programm über mehrere Runden. Alle Dokumente – Pass, Visum – waren bereits eingereicht. Und dann kam der Putsch. Ich saß vor dem Fernseher und wusste nicht, was aus uns wird. Wir dachten, vielleicht kommen wir nie wieder raus, können nie mehr reisen. Als alles vorbei war und Jelzin sich durchgesetzt hatte, bekam ich plötzlich meinen Pass mit Visum zurück. Ich hatte in dieser Zeit kaum geübt – es war wie ein schwarzes Loch. Aber ich musste fahren. Es wäre dumm gewesen, diese Chance nicht zu nutzen. Beim Wettbewerb bin ich zwar früh ausgeschieden, aber dort hörte mich ein Professor, der mir anbot, in seine Meisterklasse nach Hannover zu kommen. Das sollte im Februar 1992 sein – inklusive Unterstützung bei Stipendien. Das war ein völlig neues Land für mich.
Wovon lebt man in so einer Situation?
Gute Frage. Zunächst war ich privat untergebracht, dabei hat mir der Professor geholfen. Dann kamen Stipendien, kleine Konzerte – irgendwie ging es. Deutschland selbst hat mich zunächst nicht fasziniert. Natürlich kannte man bei uns Beethoven, Goethe, die deutsche Kultur – aber die deutsche Sprache war kaum verbreitet. Ich kannte bei meiner Ankunft genau zwei deutsche Wörter. Eigentlich wollte ich nach Südamerika. Meine erste Auslandsreise war 1989 nach Ecuador. Ich hatte dort eine große Affinität zur südamerikanischen Kultur und zur spanischen Sprache entwickelt. Und plötzlich war ich in Deutschland. Aber ich verstand: Wenn ich diese Chance nicht nutze, kommt sie nie wieder. So habe ich mein Examen 1992 gemacht und bin nach Deutschland gezogen.
Ist das ein Einschnitt – dieses Jahr 1992?
Ein kompletter Einschnitt. Erst von der Krim nach Moskau, dann von Moskau in den Westen – ohne Sprache, ohne Geld, ohne Netzwerke. Ich erinnere mich an Bremen: Roland-Statue, diese Kultur, Einladungen in wohlhabende Familien. Ich saß an Tischen mit fünf oder sechs Bestecken auf jeder Seite und wusste nicht, was ich tun sollte.
Wie in Pretty Woman?
Ein anderes Sujet – aber ja, es war ein Kulturschock. Nicht nur wegen der Bestecke, sondern wegen der ganzen Kultur: Zurückhaltung, Höflichkeit, kontrollierte Emotionen. Ich bin ein sehr offener Mensch, spüre Emotionen – hier war oft eine unsichtbare Wand. Aber ich habe unglaublich viel gelernt. Diese scheinbare Kälte im Norden war schwierig – aber ich habe später verstanden: Wenn man dort Freundschaften schließt, dann sind sie fürs Leben. Langsam habe ich mich wohler gefühlt.
Du warst damals etwa 26.
Ja. Mein wichtigstes Ziel war immer, Musikerin zu werden. Nach dem Konservatorium folgte ein zweites vollständig abgeschlossenes Studium mit Solistendiplom. Ich gab Konzerte, wurde 1994 nach Seattle eingeladen, später nach Kanada und Spanien. Das war eine Phase des Entdeckens – und sie dauert eigentlich bis heute.
Und dann kam ein weiterer Einschnitt?
Ja. 2008 – die Geburt meines Sohnes. Das ist ein riesiger Einschnitt. Ein Kind verändert alles. Als mein Sohn etwa acht oder neun war, sagte er einmal: Mama, kannst du nicht nur meine Mama sein und nicht die Konzertpianistin? Das hat mich tief getroffen. Ich habe meine Konzerttätigkeit reduziert und mich neu ausgerichtet. Vielleicht ist das die vierte Phase: eine menschliche Reife, in der vieles klarer wird. Dieses Jahr wird mein Sohn volljährig.
Du bist auf der Krim geboren, deine Mutter lebt in Moskau. Wie wichtig ist die politische Entwicklung für dich?
Politik ist immer wichtig. Ich habe verschiedene Systeme erlebt – von Breschnew über Jelzin bis zu Putin. Es gibt eine lange Kontinuität. Als deutsche Staatsbürgerin betrifft mich das weniger direkt. Wenn ich nach Moskau fahre, dann wegen meiner 87-jährigen Mutter und meiner Freunde. Ich genieße meine Zeit dort, gehe ins Konservatorium, besuche meine alte Alma Mater.

Foto: 2025 in Moskau
Spielst du auch, wenn du in Russland bist?
Ja, sicher. Aber ich hätte mir gewünscht, es wäre mehr gewesen. Mit dieser Kriegssituation ist vieles zurückgegangen. Viele meiner Freunde sind in alle Richtungen gezogen: Eine sehr enge Freundin lebt in der Schweiz, ein anderer Freund in Griechenland. Von den etwa 25 Leuten aus meinem Konservatorium sind in den 1990er-Jahren mehr als die Hälfte ins Ausland gegangen. Und trotzdem treffen wir uns oft ausgerechnet in Moskau. Ich habe meine Freundin aus der Schweiz jetzt dort getroffen. Dann gehen wir gemeinsam unsere Wege ab, erinnern uns, sprechen darüber, was damals passiert ist. Das ist immer sehr emotional und aufwühlend. Abgesehen von der Politik: Wir können daran nichts ändern. Und wir sind froh, dass wir überhaupt noch die Möglichkeit haben, hinzufahren. Wenn wieder so etwas käme wie in den 1980er-Jahren – ein Eiserner Vorhang, bei dem man nur mit großer Mühe raus- oder reinkommt –, das wäre eine Katastrophe.
Ja, und wenn Europa sagt: Es kommen keine Russen mehr rein, könnte Russland umgekehrt auch sagen: Dann kommen keine Deutschen mehr rein.
Natürlich – vice versa. Das kann irgendwann passieren.
Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen „Oben & Unten“ sind Ende 2025 als Buch erschienen.
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