Deutschland, ein Schauermärchen

Deutschland im Niedergang. Das Schlimmste ist durchgestanden, wenn die, die sich noch an bessere Zeiten erinnern können, nicht mehr sind.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Mann mit Deutschland-Fahne in der Hand weint.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Man hat damit rechnen müssen: Die Bundesregierung spart sich am Bürger gesund – nun gut, gesund vielleicht nicht, denn Gesundheit ist etwas, was man diesem Land schon längst nicht mehr attestieren kann. Aber irgendwie müssen ja sachfremde Leistungen – die Wertefront in der Ukraine allen voran – finanziert werden. Das tun künftig Sie und wir alle. Jede durch die Gesundheitsministerin verteuerte Zuzahlung in der Apotheke, jede blutige Entlassung aus dem Krankenhaus, jedes Zuwarten auf einer langen Behandlungsliste, darf man als Opfer sehen, das für die Ukraine erbracht werden muss.

Nun also das Gesundheitswesen mit neuen Sparauflagen. Freilich auf Kosten der Bürger und Patienten. Aus Zuckerschlecken bestand das System ja schon seit vielen Dekaden nicht mehr. Kranksein kommt einem teuer zu stehen. Und als Patient ist man Verfügungsmasse. Sicher, zuweilen heilen Ärzte auch – und im Vergleich zu den Gegebenheiten in Swasiland ergeht es dem Patienten in hiesigen Gefilden ja durchaus annehmbar. Aber wer einmal beim Orthopäden war und den guten Mann länger als zwei Minuten sah, darf sich als Glückspilz schätzen. Wartelisten für Behandlungen: Neu wären die tatsächlich nicht, wenn Gesundheitsministerin Warkens Sparplan greift – sie würden nur länger und die Warterei hoffnungsloser.

Guten Morgen, Tristesse!

Festakt in Frankfurt am Main. Der Bundeskanzler kam an den Flughafen. Die Lufthansa feierte ihr Jubiläum. 100 Jahre wurde die Kranich-Airline an jenem Tag. Just am großen Festtag wurde die Lufthansa bestreikt. Mal wieder – die Belegschaft ist nachhaltig unzufrieden. Gefeiert wurde dennoch, die Chefetage empfing Friedrich Merz. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich, aber irgendwie dachte man an das 40-jährige Jubiläum 1989 drüben – die Bonzen feiern, die anderen demonstrieren oder streiken. Drinnen wird diniert, draußen schäumt die Wut. Man könnte dieses Jubiläum im Ausstand als Sinnbild für diese Republik heranziehen. Nichts geht mehr – und wenn doch, dann schleppend. Die Laune ist noch dazu im Keller. Das deutsche Gemüt ist mürrischer denn je. Außer in den oberen Etagen, da gibt es weiterhin Schampus.

Wohin man blickt, Hoffnung mag nicht aufkeimen. Die verantwortlichen Regierungen der letzten Jahre: Stümper durchweg. Da sitzt man endlose Zeitschleifen zusammen, kündet großkotzig von der Bürgerentlastung und biegt dann mit 17 Cent pro Liter Tankrabatt um die Ecke, der keinem Pendler hilft – am Ende nennen sie regierungsnahe Vollblutökonomen auch noch »privilegiert«. Mittlerweile rudert man sogar bei den 17 Cent zurück. Selten hat man jene, die den Bums bezahlen, so respektlos behandelt, wie in den letzten Jahren. Das Stadtbild: katastrophal! Autobahnen: ein Sanierungsfall. Der Staatsfunk: Grotesk einfältig. Polizei: unterbesetzt, überfordert und immer im falschen Moment mit Härte vorgehend. Die Industrie: darbt und sehnt sich nach Rüstungsaufträgen, weil in deren Branchen kaum noch was geht. Und dann die Deutsche Bahn: ein Patient für die Palliativ-Station. Sie baut am Hauptbahnhof von Frankfurter am Main nun seit fünf Jahren an der B-Ebene – Pressenachfragen zur Planung beantwortet sie nicht, jedenfalls nicht uns. Gleichzeitig forciert die Deutsche Bahn in Frankfurt (am Main – nicht zu verwechseln mit Frankfurt an der Oder) ein weiteres Stuttgart 21. Ein unterirdischer Durchgangsbahnhof soll es werden. Quer unter der Stadtmitte gelegt – mit sehr tiefen Tunneln, bis zu 100 Meter müssen sie unter der Erde liegen, so liest man, weil die Fundamente der Wolkenkratzer in der Innenstadt so tief reichen. Wie lange soll die Umsetzung dauern, wenn eine ordinäre B-Ebene schon fünf Jahre veranschlagt? Vom geistigen Verfall, der Bildungsmisere, der erigierten Torheit, die dieses Land erfasst hat, gar nicht erst zu reden.

Indes wächst die Armut. Wachstumsmarkt und Erfolgsmodell: die Tafeln – wir kommen noch dazu. Und natürlich der politische Versorgungsapparat. Der wurde in den letzten Jahren ordentlich aufgeblasen 1,25 Milliarden Euro kostete der Kernhaushalt des Bundestages dem Steuerzahler im letzten Jahr, 2002 stemmte man den Betrieb noch mit 566 Millionen Euro. Das ist ein Anstieg um sagenhafte 121 Prozent. Nebenposten sind hierbei noch gar nicht aufgeführt – etwa Pensionen oder Beihilfen. Zum Vergleich: Für Langzeitarbeitslose fiel der Anstieg deutlich spärlicher aus – 345 Euro monatlich betrug der Regelsatz für Alleinstehende nach Einführung des Arbeitslosengeldes II, das heutige Bürgergeld – heißt es noch so? – genehmigt 563 Euro pro Monat. 63 Prozent mehr als damals – die Hälfte des Wachstums, das sich die Politik genehmigte.

Sonne und viel Schatten

Vergessen wollen wir nicht die Erfolgsgeschichte unserer Tage: Rheinmetall. 9,9 Milliarden Euro Umsatz machte der Waffenhersteller aus Düsseldorf im Jahr 2025 – Prognose für dieses Jahr: 40 bis 45 Prozent Umsatzwachstum. Das Unternehmen erwartet einen Jahresumsatz von bis zu 14,5 Milliarden Euro. 2020 betrug der Umsatz noch 5,9 Milliarden Euro. Das macht eine Steigerung von 68 Prozent – oder sogar, falls sich die Prognose für 2026 erfüllt, um phantastische 146 Prozent. Nicht mal der politische Sektor wuchs so stark – und der gilt schon als Wachstums- und Boombranche. 2020 beschäftigte Rheinmetall 23.268 Menschen. Fünf Jahre später stieg die Beschäftigtenzahl auf 32.251 – 39 Prozent Steigerung. So viel zur These, wonach die Rüstung Wohlstand generiere und vielleicht sogar breit verteilte, indem sie Arbeitsplätze schaffe.

Doch nicht allen geht es so gut, nicht jeder profitiert von Krieg und dauerndem Krisenmodus: 24.064 Unternehmensinsolvenzen gab es im Jahr 2025. Vor der Pandemie waren es noch 28 Prozent weniger: 18.749. Privatinsolvenzen sehen wie folgt aus: 2025 waren es 106.941 – 2019, bevor die Pandemie auch Insolvenzen verschleppte, zählte man noch: 85.320. Steigerung: 25 Prozent. 2002 waren es noch 46.840 Privatinsolvenzen gewesen – 128 Prozent weniger.

13,3 Millionen Menschen galten 2025 als armutsgefährdet – das sind 16,1 Prozent. Zwanzig Jahre vorher lag diese Quote noch bei 14,7 Prozent. Die Obdachlosigkeit hat sich verdreifacht: 2005 schätzte man 345.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf – 2024 sollen es über eine Million wohnungslose Menschen sein. 2005 gab es 480 Tafeln in Deutschland – die Zahl wurde 2024 mehr als verdoppelt: 975 Räumlichkeiten der Tafel findet man überall in der Bundesrepublik. Im Jahr 2005 versorgten die Tafeln etwa 500.000 Menschen – im letzten Jahr waren es bis zu zwei Millionen Bedürftige.

Fummeln am Gürtel

Das Jahr 2005 kam in den vorherigen Absätzen als Vergleichsreferenz recht häufig vor. Das ist kein Zufall. 2005 etablierten die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz IV – die Stimmung im Lande war aufgeladen, Arbeitslose mussten als Sündenböcke herhalten. Beliebte Sprüche: »Wir leben über unsere Verhältnisse.« Oder aber: »Wir müssen den Gürtel enger schnallen.« Seit 20 Jahren tun wir das nun – den Gürtel enger schnallen. Immer enger. Die Zeiten waren schlecht? Man sagte uns: Sparen angesagt – Lohnzurückhaltung auch. Die Zeiten wurden besser? Und man erklärte: Sparend auf Kurs bleiben – und bitte jetzt nicht die Löhne steigern, sonst wird das zarte Pflänzchen des Aufschwungs niedergetrampelt. Dann waren die Zeiten nochmal ein Gran besser – und was erfuhr man: Jetzt den Haushalt konsolidieren und sparen – Lohnerhöhungen sollten bitte noch warten.

Eine ewige Fummelei am Gürtel war das. Loch für Loch enger. Bis es abschnürt – indes wurden uns die Hosen zu weit. Wir rutschten darin herum und wussten gar nicht, wann die Zeiten denn nicht nur für Betriebe und Konzerne besser werden, sondern eben auch für die Otto Normalos, für Arbeitnehmer – und für Arbeitslose, die dann hoffentlich nicht mehr in der sozialen Isolierung eines fehlenden Arbeitsplatzes darben müssen, sondern etwas finden, was ihnen einen Lohn, vielleicht sogar soziale Kontakte und im besten Falle Freude bringt. Aber in all den Jahren ist das nicht geschehen – ein Vierteljahrhundert darben wir nun mal mehr, mal weniger vor uns hin.

Unsere Innenstädte verrotteten, die Infrastruktur vermoderte – der Bundesverkehrsminister sagte unlängst, dass die Deutsche Bahn in einem Zustand sei, den er demokratiegefährdend nennt. Soll man ihm zu dieser Ansicht gratulieren oder ihm im Geiste eine schallern – Gedanken sind frei, oder? –, weil es doch seine Aufgabe wäre, dort endlich für Ordnung zu sorgen? Demokratiegefährdend, so viel sei jedoch angemerkt, sind viele Entwicklungen in Deutschland seit Beginn dieses Jahrhunderts, das seinen Anfang nahm mit einer Sozialstaatsverdrossenheit, die medial durch Kampagnen angeheizt wurde und die Arbeitnehmer in politische Einsamkeit stürzte – denn die Sozialdemokratie bekam in jenen Jahren ihre tödliche Diagnose und stand bis auf Weiteres nicht mehr zur Verfügung für diese Menschen, auch wenn sie heute – schwer gezeichnet – gerne so tut, als sei das genau ihr Alleinstellungsmerkmal. Als die Genossen vor Jahren ein Recht auf Homeoffice postulierten, zeigte sich, wie weit diese Leute bereits von denen entfernt waren, die noch arbeiten mussten und keine Diäten einstreichen konnten.

Das Ableben der Verwöhnten

Wohin man blickt: Defizite und Einbußen. Die Lebensqualität hat in diesem Land gelitten. Deutschland ist zu einer Mischung aus Rückständigkeit und Missmut geworden – es hilft nichts, wenn der Bundeskanzler die Leute zur Zuversicht überreden möchte. Einen Depressiven kann man zwar auffordern, er möge doch mal lustiger sein, endlich mal die gute Laune erzwingen – es hilft bloß gar nichts. So ein Ratgeber würde zurecht für nicht ganz bei Sinnen gehalten, für taktlos und unsensibel. So wie sich heute das Land zeigt, hat sich der Westdeutsche immer den Ostblock vorgestellt. Marode, unmotiviert und alles Grau in Grau. Bunt sind nur die Haaransätze Berliner Problemponys. Mehr Farbe traut man sich nicht mehr zu.

Das Problem ist nur, dass es in diesem Land noch viel zu viele Menschen gibt, die von einem anderen Leben, einem anderen Land wissen. Sie lebten schließlich dort. In einer anderen Republik – und damit sind ausnahmsweise nicht die Ostdeutschen gemeint, die gewissermaßen in ein neues Leben herübergezogen wurden und die sich daher wie in einem fremden Land vorkommen, sich fast wie Migranten fühlen. Nein, auch der Westdeutsche hat sein Land verloren – es war sicherlich eine kleine und spießbürgerliche Republik, in der er lebte. Nicht fehlerfrei – an vielen Stellen ungerecht. Aber in der Summe war es ein anderes Land, freier im Gemüt, fachlicher in der Struktur, motivierter im Alltag. Alles weg! Vergangen und perdu! Sukzessive wurde dieses Land gewissen Transformationen unterworfen. Was damals galt, Tugenden und Wertevorstellung, erklärt man heute für entbehrlich. Weiß man noch, dass es einst anderen Tugenden gab, so piefige und kleinkarierte wie Fleiß, Ordnungssinn, Pünktlichkeit? Und dass es mal ein Ethos gab, seinen Beruf, seine Tätigkeit auch gewissenhaft zu verrichten?

Natürlich – man weiß es! Jedenfalls die, die damals schon lebten, die das alles noch kannten, wenn vielleicht auch nur in seinen Ausläufern. Die, die nur noch dieses dysfunktionale Deutschland kennen: Wonach sollten diese Digital Naive als Sehnsucht haben? Für sie sind Unpünktlichkeit, fehlende Motivation und Arbeitsethos, unzureichende Strukturen, Personalmangel und Wartezeiten die Normalität. Sie ahnen nicht, dass das Land schon mal besser funktionierte. Das Problem sind die, die rübergemacht haben aus alten Zeiten – die finden sich damit nur schlecht ab. Freilich löst sich das irgendwann biologisch von selbst. Und wenn dann keiner mehr Erinnerungen an objektiv bessere Tage hat, kann man den Leuten eben genau das vorgaukeln, was der Bundeskanzler neulich tat. Man kann ihnen eintrichtern, dass sie in der besten aller Welten im besten aller Staaten leben – ohne dass jemand einhakt und von Tagen spricht, die mental und materiell noch anders gestrickt waren.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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